Das ganze Leben wird von Preisen bestimmt behauptet die Mikroökonomie. Auch Krankenschwester Helga - die ihren Chefarzt liebt - muss diese schmerzliche Erfahrung machen.

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"Es ist wegen Jan-Dominik, meinem Neffen. Er hatte einen sehr schweren Unfall. Lungenriss! Und unser Chefarzt hat ihn ganz schlecht operiert, nur wegen der Kosten und..." - Wer hier so herzzerreißend aus dem Nähkästchen plaudert, ist die langbeinige Schwester Helga mit blondem, seidigem Haar. Wer der fantastisch aussehenden Mitarbeiterin im Seeberg-Klinikum solchen Kummer bereitet, ist der sehr große Dr. Robert Sanden. Der sieht mit seinem pechschwarzen Haar und seinen wundervollen grünen Augen nicht nur ebenso fantastisch aus, sondern hat darüber hinaus sein Leben der Effizienzsteigerung verschrieben. Partial- und Totalanalyse, Grenznutzen, Grenzkosten, optimale Allokation und ökonomische Rationalität - so was und Ähnliches findet der junge Chefarzt "voll geil".

Streben nach Gewinnmaximierung

"Schwester Helga - Du maximierst mein Glück" (Eichborn Verlag, 12,95 Euro) ist ein "Arztroman zur Mikroökonomie". Autor und Diplom-Volkswirt Thomas Hönscheid erzählt darin nicht nur in Dreigroschen-Diktion von Liebeleien zwischen medizinischem Fachpersonal: Oberarzt Robert Sanden interessiert sich nur soweit für das Wohl seiner Patienten, als es das Streben nach knallharter Gewinnmaximierung erlaubt. Als angemessene Methode zur "Narkotisierung" von Kassenpatienten muss folgerichtig schon einmal die kostengünstige Knüppelschlag-Methode herhalten. Schwester Helga indes begibt sich in die  Tiefen der Wirtschaftswissenschaft, um dem Angebeteten in Augenhöhe begegnen zu können.

Wirtschaftswissenschaftlicher Dreigroschenroman

Ein wirtschaftswissenschaftlicher Dreigroschenroman - geht das? Jedenfalls nicht ganz so einfach, wie der Autor es sich vermutlich gedacht hat. Thomas Hönscheid, der mit seinem Hybrid-Modell in die Trivialliteratur abtaucht, taucht nicht tief genug. Denn Volkswirtschaftslehre, Gesundheits- und Bildungswesen bzw. die Mechanismen der freien Marktwirtschaft im Milieu des Arztromans mit dem akademischen Vokabular des Universitätsprofessors zu erklären, macht sich manchmal reichlich komisch aus. Wenn der junge, smarte Märchenprinz in der romantischen Natur ziemlich euphorisiert und irgendwie trotzdem unmotiviert wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungen hält, wirkt das konstruierter als jede leidenschaftliche Beziehung zwischen Operationssaal und Krankenschwestern-Zimmer. Chefarzt und Stationsschwester kommen dann über weite Strecken auch angesichts der dazwischenkommenden Theorie nicht so richtig in Fahrt.

Hilfe für geplagte Studenten

Die wahre Kunst der Übersetzung volkswirtschaftlicher Theorie in die Alltagssprache unternimmt Hönscheid nur halbherzig. "Helga, ich liebe Sie! Wollen Sie einen langfristigen Kontrakt über den exklusiven Austausch materieller und emotionaler Güterbündel mit mir schließen?", hält Oberarzt Sanden am Ende um Helgas Hand an. Ob die Mikroökonomie als Kitt für die ewigen Bande ausreichen wird? Das Geheimnis wird hier natürlich nicht preisgegeben.

Das Ansinnen des Autors, mit seinem Roman vor allem den geplagten Volkswirtschaftsstudenten zu helfen, ist jedenfalls eine Würdigung wert: "Meine Vorlesungen auf der Uni waren ganz einfach immer sehr langweilig. Ich will jenen Studenten helfen, die ihr Wissen über Mikroökonomie wieder ein bisschen auffrischen wollen." (rb)