Vatikanstadt/Wien - Die mittelalterlichen Tempelritter haben nach Angaben einer Vatikan-Gelehrten das heute in Turin aufbewahrte "Grabtuch" unter großer Geheimhaltung geschützt und angebetet. Das schreibt die Forscherin Barbara Frale in einem neuen Buch, das bis zum Sommer veröffentlicht werden soll und aus dem die Vatikan-Zeitung "Osservatore Romano" einige Auszüge abdruckte, wie die Tageszeitung "Corriere della Sera" am Sonntag in ihrer Internetausgabe berichtete.

Die Inquisitoren hatten beim Prozess, der 1314 zur Auflösung des machtvollen Ordens führte, festgestellt, dass die Tempelritter ein Bildnis eines Bärtigen anbeteten. Dabei soll es sich laut Frale um das Tuch, das angeblich den Leichnam Christi umhüllt haben soll, gehandelt haben. Dessen Spuren hatten sich nach seiner Auffindung während der Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer 1204 bis zu seiner Wiederauffindung etwa 150 Jahre lang verloren. In dieser Zeit soll es im Besitz der Templer gewesen sein.

Initiation mit Grabtuch

Als einen Beleg zitierte Frale, die die Prozessdokumente aus dem Geheimarchiv des Vatikan auswertete, die Zeugenaussage eines jungen französischen Adeligen, Arnaut Sabbatier. Dieser berichtete, dass er bei seinem Eintritt in den Orden eine Prüfung ablegen musste, in deren Verlauf ihm ein Tuch mit der Abdruck eines Mannes gezeigt wurde, dem er dreimal die Füße küssen musste.

Die These, dass es sich bei dem mysteriösen Bärtigen-Bild der Templer um das Grabtuch handelte, hatte bereits 1978 der Oxford-Historiker Ian Wilson vertreten. Frale konnte nach eigenen Angaben dessen Thesen untermauern und auch ein Motiv nennen. Mit dem Grabtuch wollten die Tempelritter die Leiblichkeit Christi beweisen, die von den Katharern und anderen "ketzerischen" Gemeinschaften in Abrede gestellt wurde. (APA)