Das üppige Leben im Atelier: Johannes Vermeer van Delft, "Die Malkunst", um 1665/66.

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Wien - Jan van Scorel hat in seiner Darbringung Christi im Tempel dem Tempel die Hauptrolle zugewiesen. Die handelnden Personen erscheinen gegenüber der antiken (Fantasie-)Architektur völlig zurückgenommen. Das Bild hat kein eindeutig definiertes Zentrum, die Figuren scheinen nur Beispiele dafür zu sein, wer sich in derartigen Räumen zu welchem Zweck aufhalten könnte. Der Maler demonstriert neben seiner Könnerschaft, was die Darstellung verschiedenster Materialien und die räumliche Illusion betrifft, vor allem seine Kenntnis antiker und zeitgenössischer römischer Architektur.

Knapp 400 Jahre später setzt sich der Secessionist Carl Moll in seinem Atelier in Szene - und reiht sich damit selbst unter die Großen der Kunstgeschichte. Der gekachelte Boden und die Vorhänge spielen ganz offensichtlich auf Johannes Vermeers Die Malkunst an, über der Kommode hängt van Goghs Porträt der Mutter, und Georg Minnes Skulptur Knieender Jüngling verweist auf Molls Freundschaft mit dem einflussreichen Kunstkritiker Julius Meier-Grefe. Interieurs erzählen die Geschichte ihrer "Bewohner", vermitteln realistisch, unter welchen Umständen privat gelebt, in welcher Atmosphäre gearbeitet, wo gezecht wird.

Wenig beachtete Gattung

Das Kunsthistorische Museum widmet mit Raum im Bild der wenig beachteten Gattung Interieurmalerei eine Ausstellung mit Exponaten aus dem eigenen Haus und Leihgaben aus der Albertina, dem Belvedere, dem Liechtenstein-Museum und der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste.

Anlass zur Schau ist das Erscheinen des Buches Das Interieur in der Malerei im Hirmer Verlag. Karl Schütz, Direktor der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums, hat es geschrieben. Und so ist Raum im Bild auch als Plädoyer für Sammeln und Forschen als zentrale Aufgaben von Museen zu lesen. Die Ausstellung zeigt, wie die eigenen Bestände in wechselnden Kontexten immer wieder neu zu erleben sind, wie ein Haus fallweise auch ohne spektakuläre Leihgaben aus Übersee attraktiv bleiben kann. Alte Bekannte wie Vermeers Malkunst wollen neben wenig populären Malern wie Wolfgang Heimbach, einem Norddeutschen aus dem 17. Jahrhundert, neu betrachtet werden.

Studium der Perspektivkonstruktion

Diverse Türen, Fenster und Nischen in den Innenräumen bieten ausführlich Gelegenheit, Lichtführung und Perspektivkonstruktion zu studieren. Stoffe, Tapeten, Haus- und Zierrat vermitteln die Freude an virtuos beherrschter Mal- bzw. bei Rudolf von Alt Aquarelltechnik. Alts Interieur im Haus des Fürsten Liechtenstein an der Jägerzeile in Wien ist eine Demonstration verschiedenster Beleuchtungseffekte und ein Meisterstück der Illusion von Glas und spiegelnden Flächen.

Ebenso gut wie technische Fertigkeiten lassen sich in der Schau komplexe Symbolgehalte dechiffrieren. Der Leidener Maler Frans von Mieris d. Ä. lässt einen Kavalier im Verkaufsladen die Qualität eines Tuches anhand des tätlichen Vergleichs mit der Haut der jungen Verkäuferin überprüfen. Das bietet nicht nur eine üppige Materialvielfalt für gediegene Feinmalerei, sondern auch Anlass zur Sorge. Und also hängt im dunklen Bildhintergrund eine Darstellung des Todes Abels - als Verweis auf die Folgen des sündhaften Treibens von Adam und Eva. (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 7.4.2009)