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Erste Luftaufnahmen zeigten das Ausmaß der massiven Zerstörungen in der Stadt L'Aquila.

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Dem Beben in Italien waren schon am Wochenende mehrere als "sehr leicht" (Stärke 3 nach Richter ) bis "leicht" (Stärke 4 bis 5) eingestufte Erdstöße vorausgegangen, die zum Teil auch spürbar waren. Das Beben, das am Sonntag um 3.32 Uhr L'Aquila erschüttert hat, hatte Stärke 6,3 nach Richter, was als schweres Beben gilt. Pro Jahr ereignen sich etwa 120 Beben im Bereich zwischen Magnitude 6 und 6,9. Noch stärkere Beben sind deutlich seltener. Der stärkste je gemessene Erdstoß hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile. Es gilt: Je länger vor einem Beben die Ruhephase ist, desto größer ist die Gefahr.

Leichte Beben der Stärke 3 bis 5 sind in Südeuropa sehr häufig: Italien bekommt besonders die tektonischen Verschiebungen im Mittelmeer zu spüren, wo sich die afrikanische langsam unter die eurasische Platte schiebt. In Europa gilt: „Je weiter man von Norden nach Süden kommt, desto häufiger kommen Erdbeben vor und desto stärker sind diese", sagt Seismologe Edmund Fiegweil von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (Zamg) in Wien (siehe auch Interview). Durch die Plattenverschiebungen wachsen die Alpen um rund einen Zentimeter pro Jahrzehnt - was aber aufgrund der Erosion nicht messbar ist.

Gefahr in Südeuropa größer

„Im Vergleich zu Süditalien oder Japan ist Österreich nicht gefährdet, schwere Erdbeben zu erleiden", sagt Fiegweil. Italien ist - neben Griechenland - aufgrund der Plattenverschiebungen auch tsunamigefährdet, wie der italienische Geophysiker Stefano Tinti im April 2008 auf der Jahresversammlung der europäischen Geowissenschafter sagte. Er wagte damals keine Prognose, doch er sagte, es sei nur eine Frage der Zeit und „ziemlich sicher", dass ein Mittelmeer-Tsunami kommen werde. Dafür gewappnet seien die Mittelmeerländer nicht. Ein umfassendes Vorwarnsystem würde mehrere zehn Millionen Euro kosten.

Vor Tsunamis kann präziser vorgewarnt werden als vor Erdstößen selbst, da die Flutwelle nach dem starken Beben - je nach Entfernung zum Festland - noch eine Weile braucht, bis sie an der Küste angekommen ist. An präzisen Vorwarnsystemen wird in besonders gefährdeten Gebieten aber schon länger gearbeitet. Wissenschafter der Carnegie Institution of Science in Washington haben 2008 eine neue Technik zur Messung seismischer Wellen entwickelt.

Bei der Messung von sogenannten S-Wellen zweier kleiner Beben im Jahr 2005 am San-Andreas-Graben in Kalifornien konnten sie Spannungsveränderungen in Gesteinsschichten feststellen, die bis zu zehn Stunden vor den Erdbewegungen entstanden. Direkt am Andreas-Graben liegen die Millionenstädte Los Angeles und San Francisco.

Auch Mexiko-Stadt wird oft von schweren Erdbeben getroffen, die in einiger Entfernung entstehen. 1985 starben bei einem Beben der Stärke 8,1 rund 35.000 Menschen. Die Stadt ist auf einem ehemaligen See gebaut, weshalb besonders schwingungsanfällige Sedimente unter ihr lagern. Deshalb spüren die Bewohner hier auch Beben, die im Umland keinen oder weniger Schaden anrichten. Eine Vorwarnung wäre, nach Fiegweils Einschätzung, in etwa maximal eineinhalb Minuten vor dem Eintreffen der ersten Wellen des Bebens möglich. „Das ist dann doch nur ein sehr kurzer Zeitraum", meint der Seismologe. (Gudrun Springer/DER STANDARD-Printausgabe, 7.4.2009)