Andreas Neumann hat an der Universität Salzburg Rechtswissenschaften studiert. Darüberhinaus beschäftigt er sich mit Politikwissenschaften sowie schwerpunktmäßig mit der Europäischen Union (European Union Studies). Sein Interesse für Sprachen hat ihn insbesondere mit dem Problem des Sprachensterbens konfrontiert.

Buchtipp: Andreas Neumann: "Sprachensterben in Europa. Rechtliche Maßnahmen zur Erhaltung von Minderheitensprachen". April 2009, Braumüller.

Foto: Neumann

"Sprachenvielfalt wird in Nationalstaaten immer noch als Bedrohung gesehen", bedauert der Jurist Andreas Neumann und warnt vor den Auswirkungen. Für viele Minderheitensprachen in Europa würden politische Maßnahmen schon zu spät kommen - auch in Europa.

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derStandard.at: Wie schnell vollzieht sich das Sprachsterben und wie ist die Situation in Europa?

Neumann: Europa ist relativ wenig betroffen, aber es gibt hier einige Sprachen, die bedroht sind. Besonders schwer trifft es aber zum Beispiel Minderheitensprachen in Australien, Nord- und Südamerika, wo man in dieser Hinsicht die Nachwirkungen der Kolonialisierung noch spürt.

In Europa sind Sprachen wie livisch, eine Sprache an der lettischen Ostküste, Manx-Gälisch oder Sarter-Friesisch betroffen. In all diesen Sprachen gibt es nur mehr wenige Sprecher. Andere Beispiele findet man im russischen Raum, wie die Vepsen oder die ostseefinnischen Sprachen rund um St. Petersburg, aber auch im östlichen Finnland. Diese Sprachgruppen werden immer kleiner und kleiner. In hundert Jahren werden Schätzungen zufolge 90 Prozent der derzeitigen Sprachen weltweit ausgestorben sein. Erst in letzter Zeit wird den politisch Verantwortlichen immer mehr bewusst, dass Sprachen nur überleben können, wenn sie aktiv gefördert werden. Das Deutsche in Südtirol gehört zum Beispiel zu den mit Abstand am besten gesicherten Sprachen der Welt. Leider wird aber Sprachenvielfalt in Nationalstaaten auch immer noch als Bedrohung gesehen.

derStandard.at: Wann ist eine Sprache eine Minderheitensprache, wann ist sie "schutzwürdig"?

Neumann: Natürlich immer, denn jede Sprache ist ein unermessliches Kulturgut, das, einmal verloren, für immer verloren ist. Es gibt natürlich keine weltweit einhellige Definition dafür, wann eine Sprache schützenswert ist und wann nicht, oder ab wann sie bedroht ist. Es wird aber von einer kritischen Masse gesprochen, ab wie vielen Sprechern eine Sprache auch tatsächlich überleben kann. Wenn es nur mehr 20 bis 30 Sprecher gibt, dann wird wahrscheinlich niemand für diese Sprache eine Zeitung herausbringen oder Literatur verlegen oder eine Schule eröffnen.

Viel hängt auch vom Engagement der Gruppe selbst ab. Die Basken zum Beispiel tun sehr viel. Andere Sprachgemeinschaften sind schon sehr demoralisiert und setzen sich weniger für ihre Rechte ein.

Laut der "Charta für europäische Minderheitensprachen" sind "Regional- und Minderheitensprachen" solche Sprachen, die "1. herkömmlicherweise in einem bestimmten Gebiet eines Staates von Angehörigen dieses Staates gebraucht werden, 2. von einem Bevölkerungsteil gebraucht werden, deren Zahl kleiner ist als die der übrigen Bevölkerung des Staates, 3. sich von der (den) Amtssprache(n) dieses Staates unterscheiden, und 4. weder Dialekte der Amtssprache(n) noch Sprachen von Zuwanderern sind.

derStandard.at: Was ist zum Beispiel mit Jiddisch oder Romani? Diese Sprachen lassen sich selten regional festmachen.

Neumann: Dafür hat die Sprachencharta des Europarats auch vorgesorgt. Und das sind Fälle, bei denen man sich besonders schwer tut. Wenn Minderheiten so verstreut sind, dann ist es rein organisatorisch unmöglich, zum Beispiel ein zweisprachiges Gericht oder zweisprachige Formulare an Behörden zur Verfügung zu stellen.

derStandard.at: Welche Handhabe hat denn der Europarat in den Nationalstaaten?

Neumann: Es gibt verschiedene Maßnahmen denen sich die Staaten freiwillig verpflichten und über deren Erfolg sie Berichte erstatten. Letztendlich ist es eine politische Sache und eine Sache des guten Willens. Aber gerade der Standard der Minderheitenrechte entwickelt sich nur langsam und nach intensiver politische Überzeugungsarbeit. Auch auf der EU-Ebene spielt es sich auf einer rein politischen Ebene aber nicht auf einer rechtlichen ab.

derStandard.at: Wie verhält sich hier der Europarat selbst zum Beispiel am Gerichtshof für Menschenrechte? Kann man hier an Prozessen in seiner Minderheitensprache teilnehmen?

Neumann:  Dieser Gerichtshof kümmert sich ja um die Einhaltung der Europäischen Menschenrechtscharta, die selbst keine Bestimmung zum Problem der Minderheiten beinhaltet. Es gibt eine allgemeine Bestimmung, die festsetzt, dass der Prozess, der einen betrifft, in "einer verständlichen Sprache" abgehalten werden muss.

derStandard.at: Der slowenische Außenminister Rupel hat überlegt, ob eine Klage wegen der Nicht-Umsetzung der bisherigen Entscheidung des österreichischen Verfassungsgerichtshofes zu zweisprachigen Ortstafeln vor den Europäischen Gerichtshof Chancen hätte. Wie schlecht geht Österreich im Vergleich mit anderen europäischen Staaten mit seinen Minderheiten um?

Neumann: Ich sehe Österreich ungefähr im Mittelfeld. Hier steht es zumindest außer Streit, dass es die Minderheiten gibt. In Frankreich gibt es zum Beispiel offiziell nur Franzosen, keine Bretonen, keine Basken, alle sind gleich. Deswegen existiert auch kein Minderheitenrecht. Noch schärfer ist die Situation in der Türkei. Nur langsam bessert sich die Lage zum Beispiel der Kurden. Die Situation in Kärnten ist aber ein europaweiter Sonderfall. Zweisprachige Ortstafeln stellen nämlich nirgends in Europa ein solches Problem dar. Und sogar in Frankreich, wo die Minderheiten offiziell gar nicht existieren, stehen zweisprachige Ortstafeln. Das hat natürlich vor allem mit der politischen Instrumentalisierung zu tun. (mhe, derStandard.at, 14.4.2009)