Ein Blick auf einen tabuisierten Geschichts-fall aus China: John Rabe (John Paisley, Zweiter von rechts) und seine Getreuen in Lu Chuans Film.

Foto: Lily Huang Chuan Production

Nun hat sich Regisseur Lu Chuang mit "Nanking! Nanking!" dieser Tragödie angenommen.

***

Japanische Soldaten der kaiserlichen Armee drängen ins Bild, halten nervös ihre Gewehre mit aufgepflanzten Bajonetten schussbereit. Tokios Elitesoldaten stolpern über von Trümmern übersäte Straßen und an zerschossenen Ruinen vorbei. Als Vorhut klären sie den Weg durch die nach ihren Luftangriffen von Chiang Kai-sheks Nationalarmee fluchtartig verlassene Kriegshauptstadt Nanking.

China, Dezember 1937: Die Kuomintang hat ausgebrannte Lastwagen und schweres Kriegsgerät zurückgelassen. An einer Kreuzung steht einer ihrer deutschen Panzer mit Kettenschaden. Leichen der bei den Luftangriffen getöteten Soldaten liegen darüber. Der japanische Truppführer ruft einen Soldaten zurück, der den Panzer sprengen will. Chinesische Soldaten halten sich innen versteckt und schießen mit dem Maschinengewehr die Vorhut nieder. Bei dem wilden Feuergefecht geht der Panzerbesatzung die Munition aus. Aber sie ergibt sich nicht. Japans Sturmtruppen gewinnen die Oberhand, brennen mit Benzinbomben den Panzer aus.

Nachwuchsregissseur Lu Chuan, der zur neuen Generation von Chinas Filmemachern gehört, beginnt mit dieser Szene seinen jüngsten Spielfilm Nanking! Nanking!. Den Straßenkampf fängt er mit Handkameras ein. Die Bilder ziehen die Zuschauer ins Geschehen hinein. Der 38-Jährige ist für seine ausdrucksstarken Filme wie Kekexili, in dem er die Geschichte einer Bergpatrouille erzählt, die gegen Wilderer von tibetischen Antilopen kämpft, mit internationalen Preisen ausgezeichnet worden. Jetzt wagt er sich auf ein lange Zeit als besonders schwierig geltendes Terrain.

Trauma des Krieges

Filme über die Japaner in Nanking 1937 zu drehen war lange Zeit tabu, weil das Massaker mit seinen Massenmorden an 300.000 Zivilisten und zehntausenden Vergewaltigungen von Peking als seine entwürdigendste Niederlage im antijapanischen Krieg empfunden wurde. Oder wie Lu Chuan sagt, als "schmerzhafte Verletzung der nationalen Psyche." Vielen Chinesen macht es jeden Gedanken an Aussöhnung mit Japan unmöglich.

Die Szene mit dem Panzer habe ihn "elektrisiert", als er sie "erstmals vor vier Jahren in einem japanischen Tagebuch las". Der Schreiber "schilderte den Vorfall sogar mit unverhohlener Anerkennung für die List und Tapferkeit der Chinesen" . Für Lu ist das eine von vielen Schlüsselszenen. Wie in einem Puzzle will er seine Landsleute und die Außenwelt in seine differenzierte Sicht der Kriegsgräuel einführen. "Ich habe Nanking! Nanking! gedreht, um in einem Panorama von Geschehnissen zu zeigen, wie unterschiedlich alle Beteiligten handelten." Viele Chinesen leisteten Widerstand. Kuomintang-Soldaten kämpften um ihre Stadt, Prostituierte lieferten sich aus, um andere Frauen zu bewahren, Opfer von Vergewaltigung zu werden. Auch manche Japaner zerbrachen seelisch. "Dieser Film ist auch ein Zeugnis, was Krieg aus Menschen macht. Ich hoffe, darüber eine Debatte auszulösen."

In der "Chinas Hollywood" getauften neuen Filmemacherstadt Yangsong, 50 Kilometer nördlich von Peking, vertont er die letzten Sequenzen. Er zeigt nur wenige Trailer von "Leben und Sterben einer Stadt" vor, wie der 130-Minuten-Spielfilm im Untertitel auch genannt wird. Die Spielhandlung beruht auf wahren Vorkommnissen. Lu Chuans Film ist ein chinesisches Gegenstück zu John Rabe von Florian Gallenberger. Der deutsche Regisseur hat das Massaker von 1937 über sein Porträt des Siemens-Vertreters John Rabe verarbeitet.

Ein weiterer John Rabe

Auch Lu hat der Figur des John Rabe (gespielt vom Iren John Paisley) eine wichtige Rolle in seinem Film eingeräumt. So brechen ein deutscher und ein chinesischer Regisseur unabhängig voneinander eine Lanze für die Aufarbeitung von Chinas jüngster Geschichte. Lu konnte erst 2007 mit den Dreharbeiten beginnen, auf die er sich seit 2004 vorbereitet hatte. Fünf Monate lang musste er um die Freigabe des Drehbuchs durch die Zensur kämpfen. Der Film über Japans Gräueltaten passte plötzlich nicht mehr in Pekings politische Landschaft, deren Signale auf Annäherung zu Tokio standen.

Fünf Filme hätten 2007 zum Gedenkjahr des Massakers von Nanking gedreht werden sollen. Peking zog die Bremse. Lu hat nun Japans grausames Massaker nicht neuinterpretiert oder beschönigt. Er zeigt es nur anders, als es in China jemals zu sehen war, durch die Augen seiner Hauptfiguren: vom chinesischen Kuomintang-Offizier zum japanischen Soldaten, von der Dolmetscherin und von Rabe bis zum Missionar. Lu Chuan, der seinen Film bewusst in Schwarz-Weiß gedreht hat, erweist sich auch als strenger Perfektionist bei seinen Kulissen. Er hat das alte Nanking in einem Vorort von Nordostchinas Changchun auf mehr als 30Hektar Fläche nachbauen lassen. Neun Monate lang dauerte der Bau der Filmstadt, die originalgetreu wie Nanking vor 72 Jahren aussieht. Mit 15 Mio. Yuan (rund 1,8 Mio. Euro) verschlang ihr Bau rund ein Fünftel der Produktionskosten.

Chinas Zensur hat zugestimmt, dass Lu Chuan das Hohelied auf den Widerstandsgeist der Kuomintang-Soldaten singen darf. Das war vor nicht allzu langer Zeit noch ein Tabu für Maos China. Nach 72 Jahren ist die Zeit reif, um ein rationales Fazit über die Geschichte zu ziehen und die Aufarbeitung der grauenvollen Ereignisse nicht mehr nur von Hass und Rache bestimmen zu lassen. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD/Printausgabe, 08.04.2009)