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Der Druck auf die "New York Times" & Co. erhöht sich.

Foto: Reuters/Jackson

Obama in Europa? Die große Abrüstungsrede in Prag? Der "Boston Globe" hatte andere Prioritäten, man kann auch sagen, andere Sorgen. Statt die kühnen Visionen des amerikanischen Präsidenten in den Mittelpunkt zu rücken, ging es auf Seite eins um eine Vision in eigener Sache, eine Vision der eher düsteren Art. "Gefahr für den Globe löst Flut an Gefühlen aus", stand groß über der Titelstory. Sie handelte davon, wie emotional die Bürger von Boston auf den drohenden Untergang ihres Traditionsblatts reagieren.

Über dem "Globe" schwebt das Damoklesschwert. Wie berichtet, diktiert sein Mutterhaus einen rigiden Sparkurs. Um 15 Millionen Euro will die "New York Times Company", seit 1993 die Besitzerin, die Ausgaben kürzen, um mindestens ein Viertel soll die Belegschaft schrumpfen. "Das Umfeld, in dem wir arbeiten, ist das härteste, das wir in all den Jahren im Business gesehen haben", sagt Arthur Sulzberger junior, der Verleger der "New York Times". Falls sich die Gewerkschaften in Boston querlegen, warnt sein Management, sei nichts ausgeschlossen, auch nicht das plötzliche Aus.

Neue Hiobsbotschaften 

Der Showdown am Atlantik, er ist der vorläufige Höhepunkt einer Pressekrise, die fast jede Woche neue Hiobsbotschaften zeitigt. An der Pazifikküste wird der Seattle Post-Intelligencer nach 146 Jahren nicht mehr gedruckt und durch eine dürre Online-Ausgabe ersetzt. In Denver strich mit den Rocky Mountain News eine Postille die Segel, die gegründet wurde, als noch Kutschen in den Wilden Westen fuhren. Am Golden Gate hängt die Zukunft des "San Francisco Chronicle" am seidenen Faden, und in Detroit, der gebeutelten Autostadt, versuchen es die Verleger mit einem merkwürdigen Experiment. Die "Detroit Free Press" wird nur noch dreimal pro Woche zugestellt, donnerstags, freitags und sonntags. An allen anderen Tagen müssen die Leser sich zum nächsten Blechkasten mit Münzeinwurf begeben, in denen die Zeitungsstapel liegen.

Es ist eine stetige Abwärtsspirale, allerdings eine, bei der es sich lohnt, genauer hinzuschauen. Nachrichten und Analysen haben nicht an Wert verloren, im Gegenteil. Das Phänomen Barack Obama, der aufregende Richtungswechsel nach George W. Bushs Fahrt in die Sackgasse, dazu die Wirtschaftskrise mit ihren Dramen - all das hat ein Interesse an Politik geweckt, wie man es lange nicht mehr erlebte. Das Klischee einer Nation, die auf dem Sofa vorm Fernseher verblödet, ist so grob und falsch, wie es Klischees meistens sind. Vier von zehn Amerikanern lesen regelmäßig Zeitung. Aber 14 Prozent tun es online, während es 2006 nur neun Prozent waren. Die Druckauflagen sinken und sinken, was Paul Starr, Medienprofessor an der Eliteuniversität Princeton, mit polemischen Fragen bedenkt. "Ist es nicht egal? Wieso sollen die Kerle nicht auch mal leiden?"

Aufdecker mit Tiefgang 


Doch Vorsicht, warnt Starr, allzu rasch drohe ein Rutschbahneffekt, und irgendwann gehe es ans Eingemachte. Denn eines dürfe man nicht übersehen: Es seien die Zeitungsredaktionen, die die meisten Geschichten "ausgraben". Fernsehsender und Radiostationen folgten meist denselben Themen, nur mit weniger Tiefgang. Die Zeitungen hätten das wachsamste Auge auf die Politik, sie deckten Amtsmissbrauch und Vetternwirtschaft am ehesten auf, "sie sind das Alarmsystem der Bürgergesellschaft." Wer hat Richard Nixons Watergate-Skandal aufgedeckt? Es war die "Washington Post". Und aktuelle Beispiele? Bitte sehr, man nehme den Fall eines kalifornischen Regionalblatts. Das Washingtoner Büro der "San Diego Union-Tribune" enthüllte, wie sich Randy Cunningham, ein republikanischer Abgeordneter aus San Diego, systematisch bestechen ließ, mit Perserteppichen, Juwelen und einem gebrauchten Rolls-Royce.

Dafür bekamen die Reporter vor drei Jahren den Pulitzer-Preis. Bald darauf musste die "Union-Tribune" ihr Hauptstadtbüro schließen, aus Kostengründen. "Wer", fragt Starr, "käme einem Randy Cunningham heute auf die Schliche?" (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD; Printausgabe, 8.4.2009)