Rocca Calascio / Wien - "Ich weiß nicht, wie ich es den Kindern sagen soll: Wie sagt man einem 14-Jährigen, dass seine Freunde tot sind?" Doch dass Giorgio und sein 16-jähriger Bruder Pietro "noch nicht begreifen, was passiert ist", meint Susanna Baldi, helfe wenig: "Irgendwann muss ich es sagen. Dabei verstehe ich es selbst nicht."

Trotzdem ist Susanna Baldi glücklich. Sie schämt sich fast dafür. Aber ihre Söhne haben das Beben unverletzt überlebt. Und das, obwohl Frau Baldi in der Bebennacht durchlebte, "was der Albtraum jeder Mutter ist: Ich sah, was passierte und konnte nichts tun. Aber ich wusste, meine Kinder sind da mittendrin. Irgendwo."

Susanna Baldi betreibt mit ihrem Mann Paolo in Rocca Calascio, einem verfallenen Bergdorf aus dem 15. Jahrhundert knapp unter einer Burgruine, eine Herberge. Ein Geheimtipp auf 1500 Metern Seehöhe, wenige Kilometer von L'Aquila entfernt. Baldis Buben hatten am Sonntag den letzten Bus nach Hause verpasst - und schliefen bei Freunden im Stadtzentrum. Nichts Ungewöhnliches. Bis um halb drei Uhr in der Nacht.

Felsbrocken stürzten herab

Am Berg verlief das Beben glimpflich: "Wir glaubten, unser Haus kippt um. Von der Burg rollten zweieinhalb Meter große Felsbrocken die Straße herunter." Nach den ersten Erdstößen schliefen Gäste und Susanna Baldi mit den zwei anderen, jüngeren, Kindern in den Eingangsbereichen der Häuser: "Hier oben ist es noch zu kalt, um mit Kindern draußen zu übernachten." Paolo Baldi fuhr nach L'Aquila, um die Söhne zu suchen.

Die Halbwüchsigen hatten Glück: Das Haus der Freunde wurde schwer beschädigt, aber die Teenager konnten die Tür eintreten, bevor es ganz einstürzte. Dann halfen sie, Menschen auszugraben. So gut es eben ging. Baldi: "Sie haben Dinge gesehen, die kein Kind sehen sollte - aber sie leben."

Zeit, den Schock zu verarbeiten hat aber niemand. "Wer kann, hilft." Paolo Baldi etwa transportiert im Kleinbus des Hotels Verletzte. Nicht in die umliegenden Krankenhäuser, sondern nach Rom: "Das Krankenhaus in L'Aquila musste ja geräumt werden. Und die kleinen Spitäler der Umgebung sind hoffnungslos überlastet: Für Leichtverletzte haben die derzeit weder Platz noch Personal."

"Leichtverletzt", definiert die Psychotherapeutin, die vor zehn Jahren von Rom in die Abruzzen zog, sei etwa auch jener Mann, der vor den Augen ihrer Söhne aus dem Fenster sprang - und sich beide Beine brach. Im Vergleich, betont Baldi, sei diese Verletzung aber geradezu banal: "Auf dem Weg nach L'Aquila kommt man durch zwei Dörfer - die gibt es jetzt nicht mehr. Die sind ausradiert. Als wir am Montag die Trümmer sahen, wussten wir, dass die ersten Opferzahlen bloßes Wunschdenken waren. Die Behörden konnten da noch gar nicht wissen, wie es außerhalb der Stadt aussah."

Die Baldis wollen jetzt für ein paar Tage zu Verwandten nach Rom ziehen: "Die Kinder müssen erst wieder zur Ruhe kommen." Aber die Abruzzen zu verlassen, komme "nicht infrage. Wir werden kontrollieren, ob es Schäden gibt - aber vielleicht leben wir ja gerade deshalb noch, weil das Dorf und die Burg seit dem Mittelalter stehen." (Thomas Rottenberg/Der Standard, Printausgabe, 8.4. 2009)