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Der 45-jährige Hobby-Seismologe Giampaolo Giuliani konnte das Erdbeben in den Abruzzen vorhersagen

EPA/CLAUDIO LATTANZIO

Der 45-jährige Hobby-Seismologe Giampaolo Giuliani ist seit Wochenbeginn ins Kreuzfeuer der internationalen Medien geraten. Die Frage, die nicht nur in Italiens Öffentlichkeit gestellt wird, lautet: Handelt es sich beim "Techniker" Giuliani um einen genialen Wissenschafter, einen Hellseher oder einfach um einen Glückspilz, dem es gelungen ist, das Erdbeben in den Abruzzen mittels der von ihm entwickelten Radon-Edelgas-Messgeräte vorherzusagen?

In seiner Freizeit baut Giuliani, der alleine lebt, mit einigen wenigen Freunden Geräte, mit denen er aus dem Boden ausströmendes Radon misst. Diese Geräte hatten vor zwei Wochen eine wesentlich erhöhte Radon-Konzentration angezeigt, was den eher bescheiden wohnenden und introvertierten Techniker veranlasste, vor einem "unmittelbar bevorstehenden" Erdbeben in den Abruzzen zu warnen. Seine Ankündigung wurde nicht ernst genommen: Es wurde sogar Anzeige wegen falscher Alarmmeldungen gegen ihn erstattet.

Zwar hat sich Giuliani diesmal mit dem Timing, aber nicht aber mit dem Epizentrum geirrt. Bereits im Jahr 2002, wenige Tage vor dem Erdbeben in Apulien, prognostizierte der Hobby-Seismologe eine Katastrophe. Damals konnte er die Region nicht definieren. Seine Warnungen verliefen - ebenso wie dieses Mal - im Sand. Zwei Tage nach seiner Ankündigungen bebte die Erde in San Giuliano in Apulien. Es gab damals 30 Tote.

"Dass es einen gewissen Zusammenhang zwischen Radon und Erdbeben gibt, ist bereits seit Jahren bekannt", heißt es nun in der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera, die ebenso wie die meisten italienischen Medien mit der "wissenschaftlichen Prognose" des aus den Abruzzen gebürtigen Forschers vorsichtig umgehen.

Giampaolo Giuliani hat sein Universitätsstudium nicht abgeschlossen; er ist technischer Mitarbeiter des astrophysischen Forschungsinstituts Isnaf in Turin, genauer gesagt dessen Zweigstelle für Molekularphysik Gran Sasso in den Abruzzen. Seine Prognosen werden von zahlreichen Wissenschaftskollegen nicht ernst genommen - eine Demütigung. Seine größte Genugtuung läge darin, dass sich Politiker und Wissenschafter bei ihm entschuldigen, sagte er. Darauf wird er vorerst noch warten müssen. Denn die offizielle Ansicht in Italien ist, dass Messgeräte oftmals riesige Radon-Anomalien anzeigen, ohne dass danach etwas passiere. Insofern sei die Methode für den Zivilschutz unbrauchbar. Giuliani sei diesmal einfach ein "Glückspilz" gewesen. (Thesy Kness-Bastaroli/DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2009)