Das Thema Europa war schon immer der große Spaltpilz für die britischen Konservativen. Seit mehr als dreißig Jahren tobt eine Debatte innerhalb der Partei zwischen Europhilen und Euroskeptikern - ein leidenschaftlicher Grabenkrieg, der direkt zum Verlust der Wahlen 1997 und 2001 beigetragen hat. Zwar haben die Tories auch die Wahlen 2005 verloren, aber damals spielte das Thema keine Rolle mehr, weil mittlerweile die Euroskeptiker die Führung übernommen hatten. Die Partei ist heute zwischen euroskeptisch und europafeindlich einzuordnen; nicht wenige Mitglieder - bis hinauf in die Führungsriegen - fordern eine Nachverhandlung von Verträgen oder gleich den Austritt aus der EU.

Der Parteichef David Cameron, der im Dezember 2005 das Ruder übernahm, hat erfolgreich verstanden, innerparteiliches Gezänk über Europa minimal zu halten, wobei ihm auch geholfen hat, dass die politischen Gegner, sei es Labour oder die Liberalen, das Thema nicht forcieren, weil man damit keine Wahlen gewinnen kann. Allerdings erkaufte sich Cameron den Frieden bei den Tories mit einem Versprechen, das er im Kampf um die Wahl des Parteichefs abgegeben hatte: Die Europaabgeordneten der Konservativen, verkündete er, werden die Europäische Volkspartei (EVP) verlassen.

Zwar wäre diese Gruppierung zumeist christdemokratischer Parteien im Europaparlament die natürliche Heimat der 27 britischen konservativen Abgeordneten. Aber da die EVP-Fraktion traditionell stark integrationsfreundlich ausgerichtet ist, will Cameron die "lieblose Ehe" lösen.

Einen endgültigen Austritt hat Cameron bisher vor sich her schieben können, aber kürzlich erklärt, dass er nach den Europawahlen vollzogen würde. Da haben die Tories gute Aussichten, weitere EU-Mandate hinzuzugewinnen, da die Regierungspartei Labour in Großbritannien schwer angeschlagen ist und die Briten den Termin für eine Protestwahl nutzen dürften. Auch eine Allianz mit Teilen der tschechischen Bürgerdemokraten (ODS) wäre möglich. (Jochen Wittmann aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2009)