1971 war die Welt in Osnabrück noch in Ordnung: Karmann Ghia Cabrio. Frühere Großtaten nutzen Karmann heute nichts mehr, der Autobauer ist k.o.

Foto: VW, Montage: Beigelbeck

In Deutschland ging in der Krise der erste Autohersteller pleite: Magna-Steyr-Konkurrent Karmann. Mercedes-Hersteller Daimler schließt Kündigungen nicht aus, Opel ist auf der Suche nach Rettungskonzepten. 

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Osnabrück/Berlin/Rüsselsheim - Während der größte Autohersteller der Welt daran tüftelt, wie und wann er in den geordneten Gläubigerschutz übertritt, musste einer der kleinsten Fahrzeugbauer, der deutsche Karosseriefachmann Karmann endgültig aufgeben: Das Osnabrücker Traditionsunternehmen hat nach einem schon längere Zeit andauernden Kampf gegen die Pleite diesen verloren, am Mittwoch wurde die Insolvenz angemeldet.

Bei Karmann arbeiten 3000 Mitarbeiter. "Der alle Planungen sprengende Umsatzrückgang hat dazu geführt, dass der mit den Arbeitnehmervertretern vereinbarte Sozialplan nicht mehr zu finanzieren ist", teilte die Geschäftsführung Karmann mit. Die Vertreter der Belegschaft widersprechen dem, sie sehen hingegen eine verfehlte Unternehmenspolitik.

Die Auftragsfertiger spüren die Krise der gesamten Autobranche wegen des weltweiten Nachfrageeinbruchs als Erste und am stärksten: Karmann ist direkter Konkurrent von Magna Steyr in Graz, ebenso wie die finnische Firma Valmet. Alle drei spüren derzeit deutlicher denn je die Tendenz, dass die großen Autohersteller die Klein- und Mittelserien, die sie zu den Auftragsproduzenten auslagern, wieder in den Stammwerken konzentrieren, um diese auszulasten. In Graz fordert das Magna-Management von den Mitarbeitern bereits Lohnverzicht, was die Gewerkschaft wie berichtet zurückweist, man sei lediglich bereit dem Unternehmen über weniger Gehalt eine Art zinsenlosen Kredit zu gewähren, dieser müsste aber nach Überwindung der Krise zurück gezahlt werden.

Karmann wurde bekannt als Hersteller des 1955 bis 1975 gebauten Ghia, eines Sportwagens auf Basis des VW Käfers. In Osnabrück wurde lange Zeit auch das VW Golf Cabrio gefertigt. Zuletzt entwickelte man das Audi A3 Cabrio mit. Weltweit hatte die Karmann-Gruppe zuletzt rund 8000 Mitarbeiter, neben dem Hauptsitz in Deutschland sind weitere Standorte in den USA, Mexiko, Portugal, Polen, Japan und England. Mit dem Masseverwalter soll der Konzern saniert und weiter geführt werden. Zuletzt gab es Verhandlungen mit Investoren aus der Golfregion.

Apropos Golfregion: Daimler, jener Fahrzeugkonzern, bei dem unlängst das Emirat Abu Dhabi als größter Einzelaktionär eingestiegen ist, hielt am Mittwoch seine Hauptversammlung ab. Vorstandschef Dieter Zetsche schloss vor den Aktionären erstmals Kündigungen nicht aus Dieser "äußerste Fall" könne eintreten, wenn die Krisendynamik anhalte, sagte Zetsche in Berlin, "um diesen äußersten Fall zu verhindern, werden wir unsere Maßnahmen auf anderen Gebieten nochmals verstärken".

Opelaner zu Verzicht bereit 

Ebenfalls weiter gehen die Bemühungen, den deutschen Autohersteller Opel aus der Malaise der Mutterfirma, General Motors, heraus zu lösen. Auch für Opel werden wie berichtet "Weiße Ritter" aus dem arabischen Raum gesucht.

Der Rüsselsheimer Konzern widersprach am Mittwoch einem Bericht der Financial Times Deutschland, wonach einem Verkauf vor allem hohe Betriebspensionsverpflichtungen entgegenstünden.

Opel-Betriebsratschef Klaus Franz bekräftigte die Bereitschaft der Belegschaft zu Einschnitten. "Wir können die von GM geforderten 1,2 Milliarden Euro an strukturellen Kosten einsparen", sagte er zu Auto Motor und Sport. Im Fall einer Kapitalbeteiligung an einer Opel-Europa-AG wäre die Belegschaft bereit, auf Sonderzahlungen wie das Urlaubs- und Weihnachtsgeld zu verzichten. Abstrichen am Nettoeinkommen werde man nicht zustimmen. Die Beschäftigten wollen sich mit Händlern aus ganz Europa (auch aus Österreich) an der Rettung des Traditionsunternehmens beteiligen. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.4.2009)