In dunklen Kindheitserinnerungen schlummert oft das Grauen in Gestalt des deutschen Schlagers. Der war lange verpönt, dank einer ironischen Wende in der Popkultur gehörten Anfang der 1990er-Jahre nostalgisch-kitschige Schlagerpartys jedoch plötzlich zum guten Ton. Mit Szenestars wie Guildo Horn oder der "singenden Föhnwelle aus Tübingen" Dieter Thomas Kuhn. Der gelernte Landmaschinenmechaniker und Masseur reüssiert als tragische Figur, weil er ja eigentlich Funk und Soul liebt. Was als kleiner Kindergeburtstagsscherz begann, nämlich das Trällern von Schmachtfetzen wie "Ti Amo", artete bald zum abendfüllenden Schunkelschnulzodrom aus. Der inzwischen 44-jährige Entertainer zeigt dabei ein feines Gespür für guten Geschmack: Mit aufgeknöpftem Rüschenhemd, Schlaghosen, Plateauschuhen, Brusthaar-Toupet und Neufassungen unvergesslicher Schlager der 1960er- und 1970er-Jahre wie Mendocino, Über sieben Brücken oder Barfuß im Regen bedient er sein Publikum in mehrfacher Hinsicht. Ist das nun gespielte Naivität und augenzwinkernde Parodie, schmettert der Barde die Ironiekeule? Wie viel gute Laune und Lebensfreude verträgt der Mensch? Wurscht, schließlich fährt der Zug ja ohnehin nach Nirgendwo, einsteigen kann der eskapistische Hedonist heute und morgen, wenn die "Schalala"-Tour (gleichnamiges Album demnächst) in Salzburg und Wien Station macht. (dog, DER STANDARD - Printausgabe, 8. April 2009)