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Berlusconi hat Angst vor Merkel, meint Beppe Grillo.

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Wenn Giuseppe Piero Grillo als Komiker auf die Bühne tritt, füllen seine Zuseher ganze Arenen und Stadien.

 

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Giuseppe Piero Grillo ist preigekrönter Schauspieler, einer der beliebtesten Komiker Italiens und gilt als der erfolgreichste Blogger des Landes. Am 8. September 2007 rief der 50-jährige Genuese den ersten „Vaffanculo-Day" („Leck mich am Arsch-Tag") aus. Er setzt sich unter anderem gegen ein passives Wahlrecht für Vorbestrafte und die direkte Wahl von Politikern statt der Wahl über Parteilisten ein. Im Interview mit derStandard.at erklärt Grillo, warum die Wirtschaftskrise Berlusconi den Kopf kosten wird, wieso ganz Europa der italienischen Mafia ausgeliefert ist und warum Demonstrationen und das Internet Italien bald den Wandel bringen werden.

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derStandard.at: Was halten Sie von Berlusconis Appell an die Opfer des Erdbebens, sie sollten es „nehmen wie ein Campingwochenende"?

Grillo: Man sollte sich nicht über schwachsinnige Aussagen ärgern, sondern sich darum kümmern, dass die Schuldigen bestraft werden und so etwas nicht mehr passieren kann. Berlusconi interessiert mich nicht, der ist nur mehr ein Scheintoter und ein Schatten seiner selbst.

derStandard.at: Empfindet Silvio Berlusconi deshalb demokratische Kontrolle immer mehr als lästige Behinderung?

Grillo: Berlusconi ist krank und müsste medizinisch zwangsbehandelt werden. Er ist ein trauriger, zerstörter Mann voller Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der internationalen Politik. Das hat sich ja jetzt wieder beim NATO-Gipfel gezeigt. Als er Angela Merkel bei der Begrüßung links liegen ließ oder wegen des Telefonats nicht pünktlich zum Fototermin erschien: Er hat Angst vor Merkel! Er kann noch so viel Geld und Macht haben, er wird nie ein „Signore" sein.

derStandard.at: Er ist dennoch immerhin drei Mal zum Ministerpräsident gewählt worden...

Grillo: Es wird nicht mehr lange dauern, bis er Geschichte ist. Das Land ist gescheitert - der Staat ist es bereits und die Regionen werden es auch bald sein. Die Wirtschaftskrise wird Gerechtigkeit bringen.

derStandard.at: Wie soll das passieren?

Grillo: Die Krise wird Italien noch viel stärker treffen. Dieselben Leute, die uns die Probleme eingebrockt haben, sollen sie jetzt lösen. Das sind vor allem Leute ab 70 Jahren und aufwärts, die in der Nachkriegszeit aufgewachsen sind und noch nicht einmal wissen, worüber wir reden: Globalisierung, Transportwege, Umweltrevolution, Internet. Jetzt versuchen sie sich in der Moderne. Das Internet ist für sie eine Bedrohung, weil es die einzige Sache ist, die sie nicht kontrollieren können. In Italien gab es bereits vier Versuche, das Internet über Gesetze zu kontrollieren. Denn es ist das einzige Gegengift. Dort kann man Informationen austauschen und die Wahrheit berichten. Die Masse wacht so endlich auf und folgt nicht mehr einfach nur ihrem politischen Anführer. Wir wollen keine repräsentative Demokratie, die aus korrupten und teilweise halbtoten Parteien besteht, sondern direkte Basisdemokratie. Die Bürger sollen sich ihre Gesetze selbst machen und Politik nicht von vorbestraften Personen bestimmen lassen.

derStandard.at: Und die Krise wird ihn Ihrer Meinung nach politisch den Kopf kosten?

Grillo: Wir haben gerade eine Riesenchance. Mein Motto ist: Katastrophe ja, aber mit Optimismus! Wir werden ganz von vorne anfangen und zwar mit neuen Ideen. Zuerst einmal müssen wir verstehen, dass Wirtschafts- und Finanzwelt nicht zwingend zusammengehören. Der Handel nimmt zu, während die Anzahl der Güter ungefähr dieselbe bleibt. Die Wirtschaft ist schizophren: Kartoffeln starten ihren Weg in Deutschland, werden mit einem speziellen Wasser in Sizilien gewaschen, in Deutschland weiterverarbeitet, um letztendlich wieder in Genua verpackt zu werden. Wir müssen Mobilität, Transportwege, Energie und Recycling neu überdenken.

derStandard.at: Wie hängen Kartoffeln und Berlusconis Ende zusammen?

Grillo: Es wird ein Umdenken stattfinden. Solange er die Macht über die Medien behält, kann er sich das alles noch erlauben. Sobald die aber weg ist, werden wir ihn aus dem Land fliehen sehen. Dieser Tag ist meiner Meinung nach schon ziemlich nahe, er ist politisch bereits tot.

derStandard.at: Berlusconi ist seit 15 Jahren in der Politik, hat sieben Oppositionsführer überlebt und wird dennoch parteiintern als eine Art Monarch und Neuerer gefeiert...

Grillo: Die Leute haben kein Geld, keine Arbeit, kein Essen - bald werden noch mehr Menschen auf die Straßen gehen. Noch ist die Strategie der Politiker die, Löcher zu stopfen, die Probleme zu negieren oder runterzuspielen. Referenden werden millionenfach unterschrieben und ignoriert, die Staatsverschuldung einfach vorangetrieben. Die Bürger können auf Verfassungsebene nichts mehr unternehmen, also bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu protestieren. Ich hoffe, dass diese riesige Demonstration bald kommen wird und ich hoffe, dass sie so gewaltfrei wie nur möglich vor sich gehen wird. Berlusconis Ende ist nahe. Er hat das Militär wegen der Demonstrationen schon in Bereitschaft versetzt.

derStandard.at: Einen sonderlich besorgten Eindruck hat der Premier bei den Feierlichkeiten rund um seine neue Partei „Popolo della Libertà" nicht gemacht. Was macht Sie so sicher?

Grillo: Die wirtschaftliche Lage im Land. Wir sind an 15. Stelle jener Länder, in denen ausländische Firmen investieren wollen. Das wird sich nicht ändern, denn niemand möchte Geld in einem Land investieren, in dem beispielsweise Bilanzfälschung kein Delikt ist oder in dem wir noch immer 18 Abgeordnete haben, die vorbestraft sind. Außerdem weitere 80, die in erster oder zweiter Instanz verurteilt worden sind. Und die machen heute die Gesetze. Italien ist am Abdriften. Unsere Politiker sind politisch tot und halten sich dennoch an einem System fest, das bereits zusammengebrochen ist und zwar auf der ganzen Welt.

Selbst aus dem Erdbeben wird man jetzt eine Geldsache machen. Sie werden es so sehen, dass diese Tragödie letztendlich unsere Wirtschaft angekurbelt hat - wegen der Bauarbeiten, der neuen Häuser, die gebaut werden müssen, der Särge für die Toten, der Medizin und so weiter. Es ist widerlich.

derStandard.at: Aus einer erst vor Kurzem veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipr Marketing geht hervor, dass die Zahl der Italiener, die Berlusconi vertrauen, von 55 auf 52 Prozent gefallen ist. Stabile 48 Prozent der Italiener bekundeten hingegen weiterhin ihr Vertrauen in Berlusconis Partei. Das klingt nicht gerade nach einem Vertrauensbruch ...

Grillo: Erstens sind die Umfragen meiner Meinung nach in den Händen der Leute Berlusconis. Außerdem geht es nicht mehr um die Frage von Vertrauen, sondern darum, dass sie sich daran gewöhnt haben, den Mächtigen einfach zu folgen. Sie sehen einfach keine Alternative. Sie haben noch nicht verstanden, dass es keinen Ersatz braucht. Das Internet ist die neue Politik, die neue Sprache, der neue Informationsaustausch. Der Weg, den ich einschlage, ist ein basisdemokratischer - es wird langsam funktionieren, da wir gegen die Medien arbeiten, die in den Händen der Entscheidungsträger sind. Aber der Wandel ist unausweichlich.

derStandard.at: Wie schaut das in der Praxis aus?

Grillo: Wir reden von "Fünf Sterne-Gemeinden", "Fünf Sterne-Regionen" und "Fünf Sterne- Nationen". Unsere Sterne sind unter anderem: Öffentliche Wasserversorgung, erneuerbare Energien, Abfallvermeidung, freier und kostenlose Zugang zum Internet, digitale Identitätskarte und virtuelle Staatsbürgerschaftsnachweise, autofreie Stadtzentren, Radfahrwege, Grünflächen. Die Politik soll von unten funktionieren, man beschließt Gesetze also auf Ebenen wie Gemeinderäte. Unser BIP soll von der Kultur, der Intelligenz, der Qualität des Essens, der Erde, der Luft stammen - und nicht von der Anzahl produzierter Autos, Kühlschränke und Heizkessel.

derStandard.at: Wie groß ist dabei der Einfluss der Mafia?

Grillo: Die Verstrickungen zwischen Politik, Banken, Mafia und Firmen sind unfassbar. Die 'Ndrangheta ist mittlerweile der größte Bauherr der Welt. Zum Glück haben wir die Mafia in Italien - zum Glück, weil der Schwarzhandel mittlerweile zwischen 100 und 150 Milliarden Euro beträgt. Ein Teil davon wird gewaschen und kommt wieder zurück. Italien funktioniert dank oder vor allem aufgrund dieser Gelder. Aufpassen muss vor allem der Rest Europas, weil man keine Erfahrung damit gemacht, beispielsweise keine Gesetze gegen sie hat. Wir haben dieses System erfunden, ihr müsst viel mehr aufpassen, weil ihr euch nicht verteidigen könnt, vor allem mit der 'Ndrangheta in Deutschland. Es beginnt mit einer Pizzeria, dann kommt der Supermarkt, dann gehört ihnen die ganze Straße und dann werden sie Politiker.

derStandard.at: Wird es demnächst wieder einen Vaffanculo-Day geben und zu welchem Thema?

Grillo: Ja, und ich werde bestimmt daran teilnehmen. Organisieren werde ich ihn allerdings nicht mehr müssen. Ich weiß nicht, was das Thema sein wird, aber er wird groß werden.

derStandard.at: Sie gelten als einer der einflussreichsten politischen Kommentatoren, Ihr Blog wird täglich 160 000 Mal aufgerufen, jeder zweite Italiener würde Sie wählen. Sie haben aber immer gesagt, dass Sie kein Interesse haben. Warum nicht?

Grillo: Ich werde immer an der Basis bleiben. Ins Parlament sollen junge Leute mit neuen Ideen.

derStandard.at: Erklären Sie sich Ihren Erfolg damit, dass sich die Bevölkerung von den normalen Politikern abwendet?

Grillo: Im Juni sind EU-Wahlen und leider werden die Italiener wieder nur eine Rechte und eine Linke zur Auswahl haben. Wie die vergangenen Wahlen gezeigt haben, schreiten die Leute ohnehin kaum mehr zu den Urnen.

derStandard.at: Kann man die Politikverdrossenheit der Italiener vielleicht damit erklären, dass überdurchschnittlich viele Politiker bereits rentenreif sind?

Grillo: "Den" Politiker gibt es in Italien nicht. Es gibt Halbtote, die seit 20, 30 Jahren im Parlament sitzen, ihr Gehalt und nach 35 Monaten ihre Pension bekommen und die Gesetze machen, die Italiener nach 35 Monaten in Pension schicken. Das ist keine Politik.

derStandard.at: Wie viele Prozesse laufen derzeit gegen Sie?

Grillo: Sieben oder acht - manche laufen aber aufgrund der schleppenden Justiz auch schon seit zehn Jahren. Aber ich werde sie gewinnen, da ich Recht habe.

derStandard.at: Ihr Einkommen und ihr Auto sind immer wieder Angriffsfläche für Kritiker. Sie meinen, dass sie nicht kohärent leben zwischen dem, was sie sagen, und dem, was sie tun ...

Grillo: Ich habe sehr viele Feinde, die mir Schlechtes wollen. Solardach, Abwärmeverwendung, Gemüsegarten: Ich versuche so bewusst zu leben, wie es mir der neueste Stand der Technologie erlaubt. Winston Churchill hat auch Blut, Schweiß und Tränen gepredigt und dann später sicher nicht zu weinen angefangen oder sich die Pulsadern aufgeschnitten. Er hat zu Hause bestimmt eine Tasse Tee getrunken. (derStandard.at, Anna Giulia Fink, 8.4.2009)