Sarajevo - Die seit langem erwartete Verfassungsreform in Bosnien ist heute Mittwoch erneut infrage gebracht worden. Vertreter der serbischen Volksgruppe in der Völkerkammer des bosnischen Parlamentes haben nämlich ihre Ende März erteilte Zustimmung zur Einleitung der Verfassungsreform wieder rückgängig gemacht. Die damalige Entscheidung der Völkerkammer sei nicht im Einklang mit einer zuvor von politischen Führern erzielten Einigung im Einklang gewesen, lautete gemäß Medienberichten die Begründung.

Die Chefs der muslimischen (bosniakischen) Partei der Demokratischen Aktion (SDA), Sulejman Tihic, des serbischen Bundes der Unabhängigen Sozialdemokraten (SNSD), Milorad Dodik, und der Kroatischen Demokratische Gemeinschaft (HDZ), Dragan Covic, hatten sich im Herbst über die Einleitung der Verfassungsreform im Parlament geeinigt.

Unterschiedliche Deutung

Schon bald stellte sich aber heraus, dass die Einigung, die auch die Bildung von vier territorialen Einheiten vorsah, von den drei Politikern unterschiedlich gedeutet wurde. Gemäß Tihic würden die territorialen Einheiten auch über die Grenzen der aktuellen zwei Landesteile, der Bosniakisch-Kroatischen Föderation und der Republika Srspka, reichen. Dodik, Premier der bosnisch-serbischen Republik, behauptete andererseits, dass neue territoriale Einheiten nur in der größeren Entität, der Föderation, entstehen könnten. Nach seinen Angaben soll die Hauptstadt Sarajevo den Status einer besonderen Einheit erhalten.

Gegen eine eventuelle Abänderung der Entitätsgrenze hat sich unterdessen in einer Erklärung auch das bosnisch-serbische Parlament geäußert.

Bosnien wurde durch das Dayton-Friedensabkommen Ende 1995 als ein aus zwei Landesteilen bestehendes Staatsgebilde auf die Beine gestellt. Brcko, die Stadt im Norden Bosniens, auf welche alle drei Staatsvölker - Bosniaken (Muslime), Serben und Kroaten - den Anspruch erhoben hatten, erhielt daraufhin den Status eines besonderen Kantons. (APA)