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Geschockt: Bayern-Dompteur Jürgen Klinsmann und Bayern-Motor Franck Ribery.

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Barcelona kann sehr kalt sein. Kälter als Kalifornien, wohin sich Bayern-Coach Jürgen Klinsmann nach der Schlappe gegen Barcelona wohl zurücksehnt

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Was eine schlichte Vier alles auslösen kann. Udo Lattek, der frühere Trainer von Bayern München, weinte hemmungslos. Beim "Kaiser" hingegen führte das desaströse 0:4 gegen den FC Barcelona im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League genau zum Gegenteil und gleichzeitig zu einem Moment mit Seltenheitswert: Bayern-Präsident Franz Beckenbauer war zunächst schlicht und einfach sprachlos - bevor er erklärte, man könne sich bei den Bayern-Fans "nur entschuldigen" .

Zu einer "Wutrede" setzte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge noch am Ort des Grauens, im Hotel Rey in Barcelona, an: "Wir sind ein stolzer Klub. Dieser Stolz ist heute Abend zum Teil - speziell in der ersten Halbzeit - mit Füßen getreten worden. Ich weiß nicht, was ich mehr bin - schockiert, traurig oder wütend über das, was wir hier gesehen haben."

Und Jürgen Klinsmann, der glücklose Trainer der Bayern, musste sich, nachdem Barça mit seiner Elf den Boden aufgewischt und ihr die höchste Niederlage in der Champions League beschert hatte, natürlich die eine Frage der Journalisten gefallen lassen: Jürgen, wie lange noch? Zumindest offiziell gibt sich Klinsmann zwar schockiert, aber auch kämpferisch: "Es ist fünf vor zwölf. Wir wissen, dass wir jetzt Deutscher Meister werden müssen, um nächstes Jahr international angreifen zu können. Und das werden wir tun."

Doch der 44-Jährige gestand auch ein: "Das war meine größte Pleite als Trainer." Seit zehn Monaten ist Klinsmann nun Bayern-Coach, und seither driften die Erwartungen der Vereinsspitze und die Leistungen des erfolgsverwöhnten Klubs immer weiter auseinander. Klinsmann war geholt worden, um den "FC Hollywood" wieder an die Weltspitze zu führen. Doch davon ist man nun so weit entfernt wie die Mannschaft im Spiel gegen Barcelona von einer echten Torchance.

Trainer auf Distanz

Das Scheitern im DFB-Pokal hat die Vereinsspitze noch mit geballter Faust in der Tasche hingenommen. Was zählt, ist die Champions League, es geht schließlich um handfeste finanzielle Interessen. Mit einem Jahresumsatz von 295 Millionen Euro liegt Bayern, was die Finanzkraft eines Klubs betrifft, weltweit an vierter Stelle.
Eingeleitet wurde das Drama von Barcelona schon am Wochenende in der Liga - mit einer Niederlage, bei der bereits viele ahnten: Das ist erst der Schnupfen, die Grippe folgt in Barcelona. Mit 5:1 fegte Wolfsburg, von Ex-Bayern-Trainer Felix Magath trainiert, Klinsmanns Truppe vom Platz.

Spätestens danach war nicht mehr zu vertuschen, dass der einst so hochgelobte "Spirit" zwischen Coach und Spielern wohl seit längerem aussetzt. Klinsmann sagte plötzlich nicht mehr "wir" , sondern sprach von "den Spielern" .

Als er antrat, wollte er jeden einzelnen von ihnen jeden Tag ein bisschen besser machen. Doch mit seinem Konzept, das auch Buddha-Statuen auf dem Vereinsgelände beinhaltete, ist er gescheitert. Selbst Stars wie der Franzose Franck Ribéry und der Italiener Luca Toni glänzen nicht mehr. Daniel van Buyten, Miroslav Klose und Philipp Lahm sind verletzt, Lukas Podolski ist mental schon eher zurück beim 1. FC Köln.

Klinsmanns mögliches Rettungsboot heißt nun Meisterschale. Zumindest den Meistertitel in der Bundesliga müssen die Bayern holen - das würde den Wiedereintritt in die Champions League sichern und wenigstens in Deutschland das Selbstwertgefühl ein wenig heben. Leicht aber wird das Unterfangen nicht. Die Bayern liegen auf Platz vier und haben in dieser Saison die Tabelle an 27 Spieltagen noch kein einziges Mal angeführt. Es sind auch nur noch acht Partien zu absolvieren.

Klinsmann weiß, dass er sich im Endspiel befindet. Denn bei den Bayern muss man gar nicht absolute Titel- und somit Trostlosigkeit vorweisen, um vorzeitig hinauszufliegen. Magath musste gehen, obwohl er zweimal das Double aus Pokal und Meisterschale gewonnen hatte, weil die Mannschaft in der Bundesliga kurzfristig schwächelte. Für Klinsmann hört sich das an wie Luxussorgen. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD Printausgabe, Freitag, 10. April 2009)