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714 Millionen indische Wähler sind in fünf Etappen zur Urne gerufen. Am Donnerstag, beginnt die Wahl in der größten Demokratie der Welt. Die Behörden prüften zuvor noch einmal die Wahlmaschinen.

Foto: AP /Manish Swarup

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Grafik: APA

Noch vor zehn Jahren hat man Kumari Mayawati belächelt. Hinter ihrem Rücken spottete Delhis versnobte Politikclique über ihre fleischfarbenen Socken, ihre unmöglichen Handtaschen und ihr schlechtes Englisch. Doch heute fürchten die großen Parteien niemanden mehr als die schillernde "Königin der Dalits", wie die Unberührbaren in Indien heute heißen. Mit ihrer Kastenpartei BSP hat sie 2007 im größten Bundesstaat Uttar Pradesh die Mehrheit erobert und die 125 Jahre alte Kongresspartei der Gandhis fast ausradiert. Und nun will sie auch in Delhi ihr Glück versuchen. "Ist sie die erste Unberührbare an der Spitze Indiens?", trommelt sie in Anzeigen für sich.

Indien wählt ein neues Parlament - und noch nie schien der Ausgang so offen zu sein. Fast einen Monat, von 16. April bis 13. Mai, dauert der Urnengang, der mit 714 Millionen Wählern, 5000 Kandidaten, fast 830.000 Stimmlokalen und einem Dutzend Anwärtern für den Posten des Premierministers eine Wahl der Superlative ist. Wahlen werden in dem 1,1-Milliarden-Einwohner-Subkontinent auf dem Lande entschieden, wo zwei Drittel der Menschen leben. So tingeln die Wahlkämpfer durch die 543 Wahlkreise. In Hubschraubern schweben sie wie lebende Götter in den Dörfern der Vergessenen ein und versprechen das Blaue vom Himmel herunter: Strom, Wasser, Reis - das zählt für die Armen.

Wahlausgang unklar

Doch die beiden größten Parteien, die Kongresspartei und die Hindu-Partei BJP, scheinen diesmal nicht in rechter Kampfeslaune zu sein. Beide legen einen derart müden Wahlkampf hin, dass die Medien spotten, dass sie sich verzweifelt bemühen, ja nicht zu gewinnen. Da könnte etwas dran sein. Die globale Krise könnte erst nach den Wahlen voll in Indien durchschlagen. Die Wachstumsprognosen werden immer mehr nach unten korrigiert. Und beide Parteien wollen ihre Hoffnungsträger nicht verbrennen: Die Kongresspartei baut gerade den 38-jährigen Rahul Gandhi zum "Kronprinzen" der Nehru-Gandhi-Dynastie auf. Und in der BJP wartet der 58-jährige Narendra Modi auf seine Stunde. Er gilt als der talentierteste Politiker Indiens - und als der gefährlichste. Ihm wird das Pogrom an Muslimen 2002 in Gujarat angelastet.

Beide Parteien ziehen mit der Garde von gestern in den Kampf. Die Kongresspartei schickt erneut den 76-jährigen Manmohan Singh ins Rennen, der ehrbar und angesehen, aber wenig charismatisch ist. Die BJP übertrumpft sie im Seniorenduell mit dem fünf Jahre älteren Lal Krishna Advani, der einst für seine Hetze gegen Muslime berüchtigt war, sich aber heute altersmilde gibt. In Delhis Fluren der Macht wird gemunkelt, dass es schon in zwei Jahren zu vorgezogenen Neuwahlen kommen könnte und diese Wahlen nur die Generalprobe für den Zweikampf zwischen Gandhi und Modi sind. Deshalb wittern mächtige Regionalfürsten wie Mayawati nun ihre Chancen. Selbst die unzähligen Astrologen Indiens sind bezüglich des Wahlausgangs diesmal überfragt. 

Urnengang der Superlative

Das Aufgebot an Wahlberechtigten, Sicherheitskräften und Material für den Urnengang in der bevölkerungsreichste Demokratie der Welt ist beeindruckend: Rund 714 Millionen Inder sind seit Donnerstag zur Stimmabgabe aufgefordert und gut sechs Millionen Sicherheitskräfte im Einsatz, damit der Gang zu den 828.804 Wahlkabinen möglichst geordnet abläuft. Maximal 2,5 Millionen Rupien (knapp 38.000 Euro) durfte jeder Kandidat für seinen Wahlkampf ausgeben - das Zentrum für Medienstudien (CMS) schätzt allerdings, dass alle Kandidaten zusammen zusätzlich knapp 380 Millionen Euro in den illegalen Stimmenkauf investierten.

Um die Wahlberechtigten zumindest an der mehrfachen Stimmabgabe zu hindern, sind zwei Millionen Tintenfässer mit nicht löschbarer Tinte für Fingerabdrücke von jedem Wähler nötig. Tinte konnte damit zwar nicht gespart werden, dafür aber Papier - und zwar rund 10.000 Tonnen, weil mit elektronischen Wahlapparaten abgestimmt wird. Im Junagadh-Wahllokal in Gujarat reicht schon das Erscheinen eines Stimmberechtigten für eine hundertprozentige Wahlbeteiligung: Er ist der einzige in seinem Wahlbezirk. Im Dorf Fastan in Kaschmir dürfte mehr Andrang herrschen, dafür hat es andere Besonderheiten. Hier steht auf 5.180 Metern über dem Meeresspiegel die höchste Wahlkabine Indiens, und die nächsten Straße ist 26 Kilometer entfernt.

(APA/Christine Möllhoff aus Neu-Delhi/DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2009)