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Vier Jahre Pause, doch der Gestus blieb der gleiche. In die Europawahl geht Ernst Strasser mit selbstsicherem Blick und akribischer Vorbereitung: "Strategie steht im Zentrum meines Denkens."

Foto:APA/Techt

STANDARD: Als Innenminister hatten Sie in Ihrem Büro demonstrativ das Buch "Vom Kriege" des Generals Clausewitz platziert. Welches Standardwerk begleitet Ihre neue Rolle?

Strasser: Das Clausewitz-Buch ist immer noch ein aktueller Leitfaden. Es handelt von Strategie - und die steht im Zentrum meines politischen Denkens. Egal, ob als Parlamentarier, Minister oder Unternehmer: Der Schlüssel zum Erfolg besteht immer darin, Projekte präzise vorzubereiten, alle Beteiligten abzuschätzen. Wer sind die Partner? Wer sind die Gegner? Und wer sind jene, die in der ersten Reihe fußfrei zuschauen?

STANDARD: Sie versprechen mehr "Wärme, Menschlichkeit, Mitgefühl" in der Europapolitik - nicht gerade die Eigenschaften, mit denen Sie als Innenminister aufgefallen sind. Warum sollen Ihnen die Wähler das nun abkaufen?

Strasser: Sie vergessen, dass ich seit zehn Jahren Präsident des niederösterreichischen Hilfswerks bin...

STANDARD: ...aber auch Feindbild vieler Hilfsorganisationen, die sich für Asylwerber einsetzen.

Strasser: Das politische Drehbuch schreibt einem Innenminister nun einmal eine bestimmte Rolle auf den Leib. Ich war nie so liberal, wie mich die Medien während der Demonstrationen in den ersten Tagen der schwarz-blauen Regierung dargestellt haben. Ich bin aber auch nicht so rechts, wie ich am Ende meiner Amtszeit rüberkam. Natürlich war mein logischer Platz als Innenminister am rechten Rand der Regierung. Das verlangte das Amt, das verlangte das politische Umfeld. Eine christdemokratische Partei darf rechts neben sich nie mehr Platz für Rechtspopulisten lassen als zehn Prozent. Und so bin ich auch aufgetreten.

STANDARD: Trotzdem liegt die FPÖ schon wieder bei über 17 Prozent. Ist Ihre Strategie nicht gescheitert?

Strasser: Bei der Wahl 2002, die ich als Minister aktiv mitgestaltet habe, ist die FPÖ eingebrochen. Da ist diese Strategie aufgegangen - auch um den Preis, viel Kritik für meinen harten Kurs einzustecken.

STANDARD: Sind Ihre Nachfolger also zu weich?

Strasser: Über meine Nachfolger sage ich grundsätzlich immer nur das Beste. Den Aufstieg der FPÖ bedaure ich aber sehr.

STANDARD: Wie wollen Sie bei den Europawahlen den Vormarsch der Rechten stoppen?

Strasser: Die Antwort muss lauten: mehr persönliche Sicherheit für den einzelnen Bürger, auch vor den Folgen des Wallstreet-Kapitalismus. Ein starkes Europa kann ein Schutzwall gegen derartige Auswüchse sein.

STANDARD: Gerade die ÖVP hat zu Ihrer Regierungszeit die reine Marktgläubigkeit gepredigt.

Strasser: Wer hat denn damals, als die Krise angelegt wurde, europäische Wirtschaftspolitik betrieben? Ich finde es putzig, dass die SPÖ nun alles auf die Konservativen schiebt. Waren Tony Blair und Gerhard Schröder vielleicht Konservative? Persönlichkeiten wie Angela Merkel und Nicolas Sarkozy müssen das nun zurechtbiegen.

STANDARD: Ihr ehemaliger Finanzminister Karl-Heinz Grasser verkörpert doch den ungehemmten Börsen-Yuppie par excellence...

Strasser: ...aber nicht die Programmatik der Volkspartei. Für mich persönlich hat er das auch nie getan. Ich setze auf ökosoziale Marktwirtschaft, ergänzt durch klare Regeln für die Finanzmärkte. Was ich hingegen ablehne, sind die Antworten der SPÖ: Die Idee der Verstaatlichung ist ihre Erbsünde, die zehntausende Arbeitsplätze vernichtet und zu den Erfolgen Jörg Haiders geführt hat. Und ich finde es besonders kühn, dass Leute, die auf ein eigenes Häusl gespart und durch die Krise womöglich Geld verloren haben, auch noch Vermögenssteuern zahlen sollen.

STANDARD: Mit dem Nein zu neuen Steuern auf Vermögen lassen Sie gerade die zitierten "Wallstreet-Kapitalisten" , die mit Aktien viel Geld verdient haben, ungeschoren.

Strasser: Lassen wir die Kirche im Dorf. Wenn es nach der SPÖ geht, soll eine breite, leistungsbereite Mittelschicht knallhart abgeschröpft werden.

STANDARD: Sie haben bisher stets Ämter bekleidet, bei denen Sie die Fäden in der Hand hatten, Personal verschieben konnten. Jetzt werden Sie einer von 736 Abgeordneten. Warum reizt Sie das überhaupt?

Strasser: Es stimmt, ich war bisher immer in der Exekutive. Nun will ich aber versuchen, das zu tun, was in der EU bisher zu kurz gekommen ist: die Sorgen, die Nöte, die Ängste des Souveräns zu verstehen, zu bündeln und auf die Verhandlungstische zu bringen. In der Europapolitik steht zu sehr im Mittelpunkt, was irgendwo in Brüssel oder Straßburg geredet wird.

STANDARD: Ein Lobbyist für die Sorgen der Österreicher - definieren Sie da die Rolle eines Europaabgeordneten nicht sehr eindimensional?

Strasser: Das Wort Lobbyist hat ein bisschen so einen - im Weinviertel würde man sagen - Fassgeruch. Aber im Kern trifft es schon zu: Europaparlamentarier werden von ihrer regionalen Bevölkerung gewählt. Sie müssen deren Anliegen repräsentieren, diese dann aber natürlich auch mit dem europäischen Gesamtinteresse unter einen Hut bringen.

STANDARD: Nicht jeder in der ÖVP scheint Ihnen das zuzutrauen. Der Abgeordnete Michael Ikrath zweifelt, ob Ihr Herz für Europa schlägt.

Strasser: Das steht dem Kollegen Ikrath, den ich seit Studentenzeiten kenne, zu. Ich werde daran arbeiten, dass er in fünf Jahren anders urteilt.

STANDARD: Sie sind an der PR-Agentur hofherr.communications beteiligt. Ergibt es nicht eine schiefe Optik, dass diese Agentur Sie nun im Wahlkampf betreut?

Strasser: Es ist ist richtig, dass ich finanziell an der Wiener Niederlassung beteiligt bin. Aber hofherr.communications betreut mich ja auch nicht im Wahlkampf.

STANDARD: Ihr Pressesprecher für den Wahlkampf kommt aber von hofherr.

Strasser: Mein Sprecher ist ein Volunteer, den mir hofherr für ein paar Wochen zur Verfügung gestellt hat. Beworben wird mein Wahlkampf jedoch von der Agentur Headquarter, die von der ÖVP ausgesucht wurde, ehe ich als Spitzenkandidat feststand.

STANDARD: Auch als Innenminister sind Sie in den Verdacht geraten, aus einem gewissen Eigennutz, in diesem Fall jenem Ihrer Partei, zu handeln: E-Mails legen nahe, dass Sie Posten gezielt an Parteifreunde verteilten. Wie erklären Sie das?

Strasser: Ich halte die Veröffentlichung dieser E-Mails für einen klaren Rechtsbruch. Und zu strafrechtlich relevanten Tatsachen spricht nur mein Anwalt.

STANDARD: Schreiben Sie noch E-Mails?

Strasser: Selbstverständlich. Aber die Sicherheitsvorkehrungen, die ich nun anwende, verrate ich nicht einmal dem Standard. (Gerald John/ DER STANDARD-Printausgabe, 10. April 2009)