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Wissen ist formalisierbar - Erfahrung nicht

Foto: AP/Matthias Rietschel

Sie steht nicht hoch im Ansehen in unseren Tagen, die Erfahrung. Die enorme Zunahme des Wissens bei gleichzeitiger rapider Abnahme der Haltbarkeit einmal erworbenen Wissens, so die verbreitete Meinung, entwertet sie als Lehrmeister wie Wegweiser. Aber ist Wissen, wie kurz- oder langlebig es im Einzelnen auch immer sein mag, tatsächlich der große Gegenspieler der Erfahrung? Oder ist es nicht eher so, dass erst Wissen plus Erfahrung das Gespann ergeben, mit dem sich Leben, auch wenn es solcher Veränderungsgeschwindigkeit wie der heutigen ausgesetzt ist, wirklich glückend gestalten lässt?

Vieles spricht dafür. Dringlich warnt denn auch der wirtschafts_erfahrene Coach und Philosophieprofessor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Ferdinand Rohrhirsch, vor dem Glatteis des Irrglaubens, Erfahrung gehöre in die Mottenkiste der Geschichte. Erfahrung ist für Rohrhirsch denn auch nach wie vor "unverzichtbar für eine glückende Lebensgestaltung". Erfahrung schütze, fördere und erleichtere die Orientierung im Leben. Insbesondere - aber beileibe nicht nur - in schwierigen Situationen.

Keine Zeit zur Reifung

Erfahrung sei einfach durch nichts ersetzbar, „nicht durch Jugend und deren vermeintlich stets und überall nützliche größere Unbefangenheit und schon gar nicht durch ein Mehr an theoretischem Wissen." Das bestätigt indirekt auch eine frühere Gallup-Studie, die nachwies: Für Spitzenleistungen in einem Beruf braucht es ca. zehn bis 18 Jahre. Gleichzeitig legt sie damit aber auch den gewaltigen Fehler unserer Tage offen, Talenten kaum noch die Zeit zur allmählichen Entfaltung und damit zur Reifung zu geben.

Dieses Manko zeigt sich am deutlichsten im Führungsalltag. Wer da nur auf sein Diplom oder seinen MBA setzt und sein überlegeneres theoretischeres Wissen pocht, ist im eigentliche Sinn keine Kraft, die (Menschen) führen kann. Theoretisches Wissen - und was anderes können jüngere Kräfte naheliegenderweise vorweisen? - ist für Rohrhirsch deshalb zunächst einmal zweitrangig. Das sei reines Handwerkszeug; eine notwendige, längst aber keine hinreichende Bedingung für das, was eine wirkliche Führungskraft können sollte und müsste. Dieses Können zeige sich erst in dessen Anwendung: „Ein Meister ohne Erfahrung ist völlig unvorstellbar."
Jedoch: Auch ein Meister könne das Gelingen nicht lernen, durch seine Erfahrung aber vergrößere sich der „Raum", in dem sich das Gelingen einstelle: „Ein Meister kann mit seinem Werkzeug umgehen, nie aber wird einer durch das Werkzeug allein zum Meister. Das Werkzeug ist das theoretische Wissen!" Die Vermutung liegt nahe, dass in diesen Zusammenhängen die sich mehrenden Irrläufe unserer wissensgläubigen Zeit ihre Begründung finden.

Erfahrungen prägen

Theoretisches Wissen, erklärt Rohrhirsch, lässt sich formalisieren, übertragen und von anderen aufnehmen. Ganz anders stelle sich die Sache mit der Erfahrung dar. Bei ihr ginge das nicht. Erfahrungswissen sei nicht übertragbar. Wissen könne man aufnehmen und dennoch derselbe bleiben. Doch "wer Erfahrungen gemacht, sie verinnerlicht und seine Lehren daraus gezogen hat, den prägen sie", der werde sich in aller Regel verändern - zu einem an seinen Erfahrungen Gereiften.

Das vielberufene „Orientierungswissen" hat für Rohrhirsch deshalb weniger mit bloßem Wissen als mit durch Erfahrungen erworbenen Haltungen zu tun. Der an seinen Erfahrungen Gereifte werde entsprechend mit sich selber und mit anderen umgehen. Insbesondere Geduld zeigen. Und Verständnis. Und als Führungskraft Menschen wirklich anleiten und zu eigener Entwicklung motivieren. Denn auch das „glückt nur, wenn man gelernt hat, Menschen da abzuholen, wo sie stehen, und ihnen nicht einfach etwas vor den Kopf klotzt, wie das in der Praxis an der Tagesordnung ist."

Erfahrung nütze, erläutert Rohrhirsch deren immanente Wirkungskraft, „weil sie ein Ergebnis von bereits geschehener Auseinandersetzung mit Wirklichkeit ist". Insofern könne sie beim erneuten Kontakt mit der Wirklichkeit hilfreich dazu beitragen, das Repertoire möglicher Verhaltensweisen wirksam an den bisher als erfolgreich erkannten zu orientieren. Mithilfe bisher gemachter Erfahrungen könnten Führungskräfte klug werden. Und dadurch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass auch ihre zukünftigen Schritte in die richtige Richtung, zum Erfolg führen.

Das gelte auch im Blick auf Neues, wischt Rohrhirsch den verbreiteten Irrtum vom Tisch, Erfahrung behindere Aufgeschlossenheit und innovatives Verhalten. Erfahrung sei die gesammelte Kenntnis, die einer in Auseinandersetzung mit sich, mit anderen und mit der Welt gemacht habe.
Im Umgang mit Wirklichkeit, die nicht nur erkannt, verstanden, sondern auch gestaltet werden wolle, brauche es aus Erfahrung geborene Klugkeit, sei Wissen allein nicht ausreichend. Das an sich so schöpferische, wegweisende Potenzial der Erfahrung gerät für Rohrhirsch aber „dann zur Gefahr, wenn die eigenen Erfahrungen verabsolutiert und zum ausschließlichen Maßstab gemacht werden". Gelte nur noch, was man selbst erlebt habe, dann könne man nicht mehr offen sein für die Erfahrungen anderer.

Scheitern gehört zum Erfolg

Allerdings, sagt Rohrhirsch, "wird einer, der durch seine Erfahrung wirklich klug geworden ist, als Letzter auf die Idee kommen, immer wieder mit den alten Schlüsseln die neuen, zukünftigen Schlösser öffnen zu wollen". Und was in einer "ständig vor Erfolg triefenden Führungsideologie" ein Tabu darstelle, komme mit der Erfahrung ja auch wieder ins Blickfeld - das Scheitern. Die Erfahrung des Scheiterns sei eine wesentliche Bedingung für Meisterschaft. (Hartmut Volk, DER STANDARD, Printausgabe, 11./12./13.4.2009)