Foto: Springer

Teil drei der Serie über die 15 schönsten Bücher des Jahres 2008

Die mit Fleischresten behangenen Fischgräten, schwarz auf dem eierschalenweißen Buchumschlag freigestellt, machen gleich klar, dass es sich hier nicht um ein weiteres Buch über schönes Essen handelt, auch wenn es die Küche im Titel führt. "The Cooked Kitchen" ist dafür vieles andere: Überlegungen zu den Gegenständen, die beim Kochen eine Rolle spielen; assoziative Recherche zu Ritualen und Mythen des Herdes; philosophischer Hintergrund zum Entwurf einer neuen Möbelserie eines renommierten Herstellers; Materialien zu einer Habilitation an der Angewandten; gestalterische Hommage an eine Geisteshaltung, die bei Kochen, Denken und Design gleich hohe Maßstäbe anlegt. Als sich das Wiener Designteam EOOS gefragt hat, wie das alles auf eine Formel zu bringen ist, wird es wohl auf diese gekommen sein: eine "poetische Analyse" - so scheinbar widersprüchlich definieren Martin Bergmann, Gernot Bohmann und Harald Gruendl ihr Werk. Die Jury, die ihnen dafür einen der Preise für die schönsten Bücher des Jahres in der Kategorie "Kunstbände und Fotobücher" verlieh, sah einen "effektvoll kontrastierenden Einsatz der strengen Illustrationen zur sehr gekonnten Typografie" . Doch die beiden Elemente ergänzen und entsprechen einander gut. Die schattenrissartigen Bilder signalisieren das Grundsätzliche von Küchenutensilien.

Grafisches Büro, die Gestalter in Wien, haben das Buch in "Gravur" gesetzt, einer sowohl modernen wie angenehm lesbaren Sans-Serif-Typo. Das Ergebnis erinnert an die großen Arbeiten vonOtl Aicher - nicht zufällig, hat der doch dem hier als Auftraggeber im Hintergrund stehenden Hersteller Bulthaup seinerzeit die Firmenidentität entworfen.

Keiner ist perfekt, wie schon der Philosoph Osgood Fielding III sagte. Die Whole Earth Catalogs gab es nicht erst "between 1998 and 1994" (sic), sondern bereits in den Sechzigerjahren, Venturis Aufsehen erregendes Las-Vegas-Pamphlet in seiner Urfassung 1972 und nicht erst fünf Jahre später: Etwas mehr Endredaktion hätte den durchgängig spannenden englischen Texten gutgetan.

Ein Kaffeetischchen kommt unter den Objekt-Assoziationen übrigens nicht vor. Dafür wäre das Buch auch eindeutig zu schade. (Michael Freund, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.04.2009)