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Richard Phillips (rechts) auf einem Amateur-Video der US-Navy kurz nach seiner Befreiung: "Die wahren Helden sind die, die mich nach Hause gebracht haben."

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Richard Phillips ist ein bescheidener Mensch. Zumindest bis jetzt lässt er keinerlei Neigung erkennen, den Rummel um seine Person noch anzuheizen, ihm noch ein paar melodramatische Töne hinzuzufügen. "Ich bin nur die Unterzeile", sagt er nach seiner Befreiung, "die wahren Helden sind diejenigen, die mich nach Hause gebracht haben."

In Underhill, dem Bergdorf in Vermont, in dem Phillips lebt, sprechen die Bewohner überschwänglich von einem Oster-Wunder. Die Fernsehkanäle bringen Sondersendungen, die Moderatoren überbieten einander mit patriotischen Sprüchen, euphorisch sprechen sie von "Captain Courageous". In sympathischem Kontrast dazu steht, wie unaufgeregt die Hauptfigur und seine Nächsten dem Trubel aus dem Weg gehen.

Phillips' Ehefrau Andrea schickt eine Freundin vor, um den wartenden Reportern in Underhill zu erzählen, wie sie alle gefiebert und gelitten haben. Ein Brief wird vorgelesen. "Richard, deine Familie liebt dich. Deine Familie betet für dich." Fünf Tage lang war der 53-Jährige in brütender Hitze auf einem kleinen Rettungsboot gefangen gewesen.

"Wenn wir nicht kriegen, was wir wollen, töten wir den Kapitän", sollen die Piraten gedroht haben. Einer richtete seine Kalaschnikow auf den Rücken der gefesselten Geisel. An Bord der "Bainbridge" gab der Kommandant seinen Scharfschützen den Befehl zu feuern. Aus rund dreißig Metern Entfernung schossen sie den drei Geiselnehmern fast zugleich in den Kopf, wie durch ein Wunder konnte Phillips unverletzt gerettet werden. Erst jetzt wurde bekannt, wie unmittelbar US-Präsident Barack Obama in den Showdown vor der Küste Somalias einbezogen war. Nach außen hatte er sich die ganze Zeit in Schweigen gehüllt, dabei wurde er nicht weniger als 17-mal kontaktiert, um Entscheidungen zu treffen.

Nach eigenem Ermessen

Am Sonntag billigte der Präsident eine riskante Kommandoaktion, die auch mit einem Fiasko hätte enden können. Nachts sprangen Spezialkräfte der US-Marine von einem Flugzeug ins Meer und schwammen zur "Bainbridge", von dort nahmen sie die Piraten ins Visier . Falls Phillips' Leben in Gefahr schwebte, lautete Obamas Order, sollten sie nach eigenem Ermessen handeln.

Nun gibt es kaum einen Kommentator in Washington, der den Präsidenten nicht lobt für seine bestandene Prüfung in Sachen Krisenmanagement. Manche hatten bereits Vergleiche mit Jimmy Carter angestellt, der im Jahr 1980 eine Nacht-und-Nebel-Aktion befahl, um 52 Geiseln aus der besetzten US-Botschaft in Teheran zu retten. Damals endete der Befreiungsversuch mit einem Desaster. Diesmal, schreibt die Washington Post, dürfte der gelungene Einsatz mit Obama einen unerfahrenen Staatschef bestärken, der sich gegenüber seinen altgedienten Generälen erst noch beweisen musste. Das ist der eine Aspekt des Happy Ends, der andere ist die Heldenstory. Phillips gibt darin die Rolle des unbezähmbaren Yankees, der auch in schwierigster Lage nicht daran denkt, das Handtuch zu werfen. Er teile die Bewunderung des Landes für den Mut des Kapitäns und dessen selbstlose Sorge um seine Crew, erklärte Obama. "Seine Tapferkeit ist ein Vorbild für alle Amerikaner."

Experten sind sich allerdings sicher, dass der Ausgelassenheit bald die Ernüchterung folgen wird. Denn zahlreiche Geiseln sind noch immer in der Gewalt somalischer Piraten. Das militärische Husarenstück werde kaum dauerhafte Wirkung haben, glauben Fachleute. "Das beeindruckt somalische Piraten kaum", meint Admiral Richard Gurnon, Präsident der Marineakademie von Massachusetts. "Das sind verzweifelte Leute, die ein funktionierendes Geschäftsmodell haben." (Frank Herrmann aus Washington/red/ DER STANDARD Printausgabe, 14.4.2009)