Bangkok/Wien - Ein in Bangkok tätiger österreichischer UNO-Diplomat erwartet eine Zuspitzung des Machtkampfs in Thailand, die zur Errichtung eines "interimistischen Militärregimes" führen dürfte. "Es gibt auf beiden Seiten ein irres Gewaltpotenzial", sagte Homayoun Alizadeh am Montagabend. "Ich gehe davon aus, dass es eine harte Konfrontation geben wird. Die Dimension des Konflikts ist viel größer, als man noch vor zwei Wochen angenommen hatte", sagte der Chef des Bangkoker Büros des UNO-Menschenrechtskommissariats (OCHCR), der sich derzeit in Wien aufhält.

"Viele Leichen"

Er habe am Montag telefonisch Berichte erhalten, wonach die Soldaten bei den Massenproteste in Bangkok nicht mehr nur in die Luft feuerten, sagte Alizadeh. "Sie haben jetzt auch in die Menge geschossen", sagte der Wiener Diplomat unter Berufung auf Einheimische. Diese hätten berichtet, dass sie "viele Leichen" auf den Straßen gesehen hätten. "Das kann aber auch Übertreibung sein", schränkte Alizadeh ein. Offiziell gab es bisher zwei Tote bei den Auseinandersetzungen in Bangkok. Der Diplomat wies darauf hin, dass beide Konfliktparteien bewaffnet seien, "sogar die Studenten in der Universität". So hätten auch die Demonstranten Schüsse auf die Armee abgegeben.

Laut Alizadeh, der bis Samstag in Bangkok war, haben die Vereinten Nationen ihren Mitarbeitern bereits Reisen nach Thailand untersagt. UNO-Mitarbeiter, die sich im Land aufhalten, sollen ab Dienstag von zu Hause aus arbeiten. Auch die Touristenzentren seien menschenleer, weil den Urlaubern aufgetragen worden sei, in ihren Hotels zu bleiben. Eine besondere Gefährdung von ausländischen Urlaubern sieht der Diplomat aber nicht. Beide Konfliktparteien seien nämlich um höchstmögliche Sicherheit für ausländische Urlauber bemüht, damit die Tourismusindustrie des Landes keinen Schaden davontrage.

Armee "viel brutaler"

Allerdings agiere die Armee diesmal "viel brutaler" als bei den Unruhen im Herbst 2008, sagte Alizadeh. Damals hatten die königstreuen "Gelben" - mit Duldung der Armee - in wochenlangen Massenprotesten die Gefolgsleute von Ex-Premier Thaksin Shinawatra aus der Regierung gedrängt. Nun protestiert Thaksins Lager gegen den königstreuen Premier Abhisit Vejajjiva.

Alizadeh glaubt, dass der im Exil lebende Ex-Premier Thaksin in dem jetzigen Konflikt aufs Ganze gehen will. Ein Zeichen dafür sei, dass die Proteste trotz des derzeitigen mehrtägigen thailändischen Neujahrsfestes fortgesetzt werden. "So einen Traditionsbruch hat es in der thailändischen Geschichte noch nie gegeben." Zudem hätten die Verwandten des Ex-Premiers in den vergangenen Tagen Bangkok verlassen. "Das zeigt, dass er die Konfrontation mit der Armee sucht. Er spielt auf Teufel komm raus und will zeigen, wer der Herr im Hause ist", sagte der Diplomat in Anspielung auf den großen Rückhalt Thaksins in der thailändischen Bevölkerung.

Tage von Premier Vejajjiva dürften gezählt sein

Die Tage des jetzigen Premiers Abhisit Vejajjiva dürften dagegen gezählt sein. "Politisch gesehen wird er nicht mehr lange leben", sagte Alizadeh. Er habe nie einen starken Rückhalt in der Armee gehabt, die ihn angesichts der blutigen Auseinandersetzungen endgültig fallen lassen und den Weg für ein "interimistisches Militärregime" ebnen dürfte. "Die Armee wird in den nächsten Wochen die Regierungsgeschäfte übernehmen und wie in den 1970er und 1980er Jahren das Land in Ordnung bringen", erwartet der Diplomat einen neuerlichen Militärputsch.

Allerdings müssten nach einem Putsch wieder Parlamentswahlen stattfinden, die höchstwahrscheinlich Thaksin gewinnen werde, erwartet sich Alizadeh keine Lösung des jahrelangen Machtkampfs zwischen "Traditionalisten" und "Modernisten" im Land. Nicht gänzlich ausgeschlossen sei, dass sich die Armee in dem Machtkampf auf die Seite Thaksins stellen wird. "Diese Frage ist offen." Schließlich gebe es auch innerhalb der Streitkräfte viele Offiziere, die mit dem umstrittenen Ex-Premier sympathisierten, sagte der Diplomat. (APA)