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Foto: APA/Troescher

Raabs - "Leden, unor, brezen..." - Wenn sich Felix, Leander oder Lorenz die tschechischen Monatsnamen merken sollen, gibt es keine Eselsbrücken oder Ähnlichkeiten zu "Jänner, Februar, März". Doch lassen sich das Trio und die anderen Buben und Mädchen von der Volksschule in Raabs an der Thaya im Waldviertel das Lernen nicht verdrießen. In Wahrheit sind sie ja schon Profis: Die meisten von ihnen sind seit Jahren mit der Sprache des nahen Nachbarlands vertraut.

Wenige Österreicher, die Tschechisch können

Das ist gar nicht so ungewöhnlich, denn Tschechisch oder Slowakisch wird an zahlreichen Kindergärten sowie an 40 Volks- und 18 Hauptschulen in Niederösterreich gelehrt. Selbstverständlich ist es aber auch zwei Jahrzehnte nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs und fünf Jahre nach der EU-Erweiterung nicht. Das weiß die Lehrerin Lucia Glosova: "Es gibt viele Tschechen, die Deutsch können, aber umgekehrt ist das nicht so."

Die junge Tschechin arbeitet aber emsig daran, dass sich das ändert. Sie unterrichtet im Waldviertel ihre Muttersprache. In Raabs an der Thaya wird das Angebot gut angenommen. Im Kindergarten gehen alle Kinder eineinhalb Stunden pro Woche in den Tschechischkurs, in der Volksschule ist es immerhin ein Drittel. Für Direktor Günther Gamsriegler ist das nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil die Stunden nach Ende des offiziellen Unterrichts stattfinden. Der Schulbus ist da längst weg, die Kinder müssen extra abgeholt werden. "Das ist eine Belastung für die Familien."

Ressentiments sind in der Region keine Seltenheit. Das bekam auch der frühere Direktor der Hauptschule und heutige Kulturstadtrat von Raabs, Wolfgang Tiller, zu spüren. Als er vor Jahren mit einem Chor in Tschechien auftreten wollte, gab es durchaus Widerstände: "Die Kinder wollten sehr wohl rüberfahren, aber der Opa oder die Oma waren dagegen." Die Gründe für das immer noch vorhandene Misstrauen kennt Tiller genau: "Hier leben viele, die aus dem Grenzgebiet vertrieben worden sind. Die Ortschaften da drüben waren ja lauter sudetendeutsche Dörfer."

Unbelastet von der Vergangenheit

Die Kinder von heute wachsen zwar weitgehend unbelastet von den Geschehnissen im und nach dem Zweiten Weltkrieg heran. Aber es sei noch immer schwierig, Interesse und Verständnis für die tschechischen Nachbarn zu gewinnen. "Es ist jetzt eh schon besser. Der Beginn war äußerst mühsam, die Grenzen im Kopf waren ja ein Riesenproblem."

Viele Eltern sehen im Tschechischlernen auch eine potenzielle Investition für die Zukunft, meint Lucia Glosovoa: "Wir sind hier in der Grenzregion, es sind ja nur zehn Minuten dorthin. Da soll man sich verständigen können, und für die Arbeitsmöglichkeiten ist es vielleicht auch gut."

Also wird sie auch weiterhin im Auftrag der NÖ-Landesregierung und im Rahmen des von der EU geförderten Projekts "Interreg 3a" in Raabs, Weikertschlag, Eggern oder Karlstein mit ihren ganz kleinen oder schon etwas größeren Schützlingen nicht nur spielerisch Vokabel lernen, sondern auch die Geheimnisse ihres Heimatlandes erforschen: "Wir machen auch die Bräuche und Traditionen durch. Da gibt es schon Unterschiede in den Kulturen. Ostern oder Weihnachten, das ist bei uns anders."

Eingeschlafene Projekte

Glasovas Traum wäre ein Austausch mit Schulen in Tschechien, mit gegenseitigen Besuchen oder Brieffreundschaften. So etwas gibt es derzeit fast nicht. Direktor Gamsriegler erinnert sich: "Wir hatten vor dem EU-Beitritt Tschechiens ein halbes Jahr lang mit der Grundschule in Desna gemeinsamen Unterricht, seitdem aber nicht mehr." Wie viele andere gute Ideen sei auch dieses Projekt letztlich eingeschlafen.

Tiller: "Es steht und fällt immer mit Einzelpersonen". Daher ist der ehemalige Hauptschuldirektor auch Mitorganisator der grenzüberschreitenden NÖ-Landesaustellung 2009. Ab 18. April soll sie unter dem Namen "Österreich. Tschechien. geteilt - getrennt - vereint" in Raabs, Horn und Telc für eine weitere Annäherung sorgen.

Vielleicht kann dabei auch ein bisschen etwas für das gegenseitige Verstehen gelernt werden. Obwohl manche das gar nicht mehr nötig haben. Der achtjährige Leander zum Beispiel: "Nein, schwierig ist Tschechisch nicht." Auch wenn "leden", "unor" oder "brezen" so gar nicht nach Jänner, Februar oder März klingen.(Edgar Schütz,Alexandra Demcisin/APA)