Wien - Der Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil geht 2009 zu gleichen Teilen an die Lyrikerin Ilana Shmueli und den Erzähler Josef Burg. Beide haben ihre Wurzeln im einstigen österreichischen Kronland Bukowina und schreiben mit Deutsch und Jiddisch in beiden wichtigen Literatursprachen der Stadt Czernowitz. Die Gedichte Shmuelis seien "spät und tief auf uns gekommen, wie aus einer anderen Zeit und einem anderen Raum", heißt es in der Jurybegründung, Burgs in jiddischer Sprache verfasste Erzählungen seien "Klage um das Verlorene und Lobpreisung des Lebendigen zugleich". Verliehen wird der mit 7.300 Euro dotierte Preis am 15. Mai in der Minoritenkirche Krems-Stein.

Die Preisträger

Ilana Shmueli, im März 1924 als Tochter einer Wienerin in Czernowitz geboren, lebt heute in Jerusalem. Nach der Zeit im Ghetto und der Überweisung ins Juden-Wohnviertel floh sie mit ihren Eltern, über Constanza und Istanbul nach Tel Aviv, wo sie Musikerziehung, Sozialarbeit und Kriminologie studierte. Nach Bekanntschaften u.a. mit Oskar Kokoschka, Rose Ausländer und Paul Celan, über den sie 1999 ihre Aufzeichnungen "Sag, daß Jerusalem ist" auf Hebräisch veröffentlichte, begann Shmueli erst spät mit der Publikation eigener Lyrik und autobiografischer Prosa. Zuletzt erschien der Gedichtband "Zwischen dem Jetzt und dem Jetzt" (2007).

Shmuelis Dichtung sei "Zwischenruf, Einspruch, Widerwort, Aufschrei", wird Matthias Fallenstein in den Presseunterlagen zitiert, der bei der Verleihung die Laudatio halten wird. "Ortlosigkeit und Wortlosigkeit, die Erfahrung, unbeheimatet und sprachlos zu sein, ist eine der Wurzeln, aus denen ihre Dichtung hervorwächst. Und dennoch verbinden sich ihre Verse in äußerster Verknappung des Ausdrucks mit einem reichen Strom von Vorstellungen", so die Begründung der Jury. "Es ist eine große Lebendigkeit, die hier von sich zeugt, die gegen Enge, Kälte, Vorurteil anrennt."

Josef Burg, geboren 1912 in Wischnitz in der Bukowina, lebt in Czernowitz. 1934 veröffentlichte er seine erste Erzählung in den "tschernowizer bleter", die 1938 zwangseingestellt wurden und von Burg ab 1990 als jiddische Monatszeitschrift wieder herausgegeben werden. Nach einem Germanistik-Studium in Wien kehrte er 1938 nach Czernowitz zurück. 1941 floh er in die Sowjetunion, wo er unter anderem als Deutschlehrer in der Wolgadeutschen Republik tätig war. Seit 1959 lebt er als Lehrer und freier Schriftsteller in Czernowitz. Burg, der auch bereits mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichnet wurde, veröffentlichte zuletzt "Ein Stück trockenes Brot" (2008).

Burgs Erzählungen "bewegen sich fast ausnahmslos am Rande und vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Massenmords an den Juden, geben aber auch angesichts des Verhängnisses den Kampf um Spielräume menschlicher Entscheidungsmöglichkeiten, um Nischen der Verständigung so wenig auf, wie Burg selbst seine Muttersprache, in all ihrer Plastizität und zupackenden Konkretheit, aufzugeben bereit ist", begründete die Jury. "Hier ist jedes Detail wie eingeschrieben in ein größeres Gedächtnis."

Der Preis

Die 1984 gegründete Theodor Kramer Gesellschaft vergibt seit 2001 alljährlich einen Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil. Gewürdigt werden soll mit ihm "nicht die literarische Qualität allein, sondern darüber hinaus die Haltung und das Schicksal der Preisträgerin oder des Preisträgers". Die vom Land Niederösterreich, der Stadt Wien und vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur geförderte Auszeichnung erhielten in den vergangenen Jahren etwa Tuvia Rübner (2008), Jakov Lind (2007) oder Stella Rotenberg (2001). (APA)