Die Justizbehörden, die in der Erbeben-Region Abruzzen wegen mutmaßlicher Baumängel ermitteln, wollen 20.000 Gebäude unter die Lupe nehmen. Insbesondere das erst vor neun Jahren eingeweihte Krankenhaus San Salvatore, das wegen schwerer Schäden nach dem Erdbeben geräumt werden musste, ist ins Visier der Ermittler geraten. Die Untersuchungen über das Erdbeben, sollen die "Mutter aller Ermittlungen sein", sagte der Staatsanwalt von L'Aquila Alfredo Rossini. "Wir werden genau überprüfen, wer das Krankenhaus geplant, und wer das Baumaterial geliefert hat", sagte der Staatsanwalt.

Der bekannte Schriftsteller und Journalist, Roberto Saviano, Autor des Bestsellers "Gomorrah", das vom Einfluss der Camorra auf Neapel handelt, warnte, dass die Mafia von dem Wiederaufbau in den Abruzzen profitieren könnte. "Es besteht die Gefahr, dass sich kriminelle Organisationen in Krisenzeiten die großen italienischen Geschäfte wie den Wiederaufbau in den Abruzzen untereinander aufteilen. Seit Jahren investieren und bauen die großen Clans der Camorra", so der Autor. Auch Staatsanwalt Rossini warnte, dass der Geldstrom, der in die Krisenregion für den Wiederaufbau fließen wird, das Interesse der mit der Mafia verstrickten Baugesellschaften wecken wird.

Über eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in den Abruzzen, bei dem 294 Menschen ums Leben gekommen sind, versucht man im Krisengebiet eine schwierige Rückkehr in den Alltag. In L'Aquila öffneten einige Geschäfte, die Beamten der Gemeinde nahmen die Arbeit wieder auf. Sie wurden in Coppito untergebracht, dem Sitz einer Polizeiakademie, die von dem schweren Erdbeben nicht beschädigt wurde.

Regen, Kälte und Nachbeben

Regen, Kälte und Nachbeben belasteten die Obdachlosen. Nachdem am Dienstagabend ein Nachbeben die Stärke von 4,9 erreichte, wurde am Dienstagvormittag ein weiterer Erdstoß von 3,2 registriert. Nach Angaben des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie gab es in der vergangenen Woche etwa 10.000 Nachbeben in dem Gebiet. Stärkere Erschütterungen seien auch weiter nicht auszuschließen, sagte der Vulkanologe Enzo Boschi.

Der Präsident der italienischen Bischofskonferenz CEI, Kardinal Angelo Bagnasco, besuchte am Dienstag L'Aquila. Der Kardinal hielt sich mit den Obdachlosen in einigen Zeltlagern auf. Die Bischofskonferenz spendete über zwei Millionen Euro für die Obdachlose. Der Präsident der Region Abruzzen, Gianni Chiodi, versicherte, dass bis Oktober alle Obdachlose eine neue Unterkunft haben werden. Inzwischen begannen die Experten mit der Überprüfung der Gebäude im Krisengebiet. Ein Drittel aller Gebäude sind schwer beschädigt, teilten die Behörden mit.

Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi hat sein Versprechen gehalten, drei seiner Häuser Obdachlosen zur Verfügung zu stellen. Zwei Familien sollen in zwei Wohnungen Berlusconis in Mailand untergebracht werden. Eine dritte sollen in der Sommerresidenz Villa Certosa an der sardischen Costa Smeralda beherbergt werden. Berlusconi erklärte sich bereit, weitere Wohnungen zur Verfügung zu stellen. "Ich handle wie die vielen freigiebigen Italiener, die den Obdachlosen ihre Ferienwohnungen zur Verfügung stellen", so der Ministerpräsident. Der Zivilschutz wird die Familien bestimmen, die bei Berlusconi zu Gast sein werden. (APA)