Dublin/Warschau - Aus der Traum vom guten Leben in Irland. Marcin Kaminski ist gekündigt worden. "Ich hab' die Nase voll von Irland", sagt der 33-jährige Lkw-Fahrer aus Polen. Vor vier Jahren glaubte Kaminski noch, in Irland sein Glück gefunden zu haben. "Man suchte sich den Arbeitgeber aus und die Bezahlung war viermal so hoch." Denn das boomende Irland ist eines der wenigen EU-Länder, die Osteuropäer auf ihrem Arbeitsmarkt willkommen heißen. Doch jetzt hat die Rezession Irland mit voller Wucht erfasst.

Dell geht nach Polen

Viele der Polen, die einst auf die Insel kamen, verlieren ihren Job. Sie müssen nun wie Kaminski entscheiden, ob sie trotz Krise bleiben oder fortgehen. Mit dem Risiko, dass sie in der Heimat eine noch schwierigere Situation erwartet. Flaggschiffe des irischen Wirtschaftswunders wie die US-Computerfirma Dell suchen das Weite. Dell verlegt seine Produktion vom zentralirischen Limerick ostwärts in ein Land mit niedrigeren Löhnen - ausgerechnet nach Polen. Von den 2.000 Mitarbeitern, die Dell in Irland kündigt, sind die Hälfte Polen. "Das ist die Ironie der Geschichte", sagt Arek Gliniecki von der irisch-polnischen Vereinigung in Limerick.

"Paula's" statt "Gospoda"

In Dublin sieht es nicht besser aus, erzählt Paulina Mieroslawska. 2007 eröffnete sie in der irischen Hauptstadt die "Polska Gospoda", das "Polnische Wirtshaus". Die Geschäfte seien "ziemlich gut" gelaufen, erinnert sich die 29-Jährige. Aber dann seien die ersten Polen weggegangen. Um neue irische Kunden anzulocken, taufte die Chefin die "Polska Gospoda" in "Paula's" um. Auf der Karte steht nun neben der traditionellen polnischen Zurek-Suppe auch das T-Bone-Steak. "Wir haben überlegt, nach Polen zurückzugehen. Aber dann haben wir beschlossen, unser Glück noch einmal zu versuchen", sagt Mieroslawska.

3000 gehen pro Monat

"3.000 Polen verlassen Irland jeden Monat", schätzt Jacek Rosa von der polnischen Botschaft in Dublin. Aber das seien nur zwei Prozent von insgesamt rund 150.000, fügt er hinzu. Pater Jaroslaw Maszkiezicz von der Kirche St. Ouen in Dublin beobachtet noch keine große Abwanderung in seiner Gemeinde. Bei ihm drängen sich jeden Sonntag weiter rund 5.000 Gläubige in der polnischen Messe.

Krise auch in Polen

"Die Krise wirkt sich nicht so aus, dass es zu einer massenweisen Rückkehr kommt", bestätigt die Professorin Krystina Iglicka vom Zentrum für Internationale Beziehungen in Warschau. Denn die Krise hat auch Polen erreicht: Die Wirtschaft wächst nur noch langsam. Die Arbeitslosenquote ist in den vergangenen Monaten stetig gestiegen, auf 11,2 Prozent Ende März. Zurück in die Heimat kämen vor allem diejenigen, die erst spät ins Ausland gegangen seien und nicht so gut Englisch sprächen, erklärt Iglicka.

Viele von ihnen wüssten zudem nicht, ob sie blieben oder wieder ins Ausland gingen. "Die große Mehrheit bleibt im Ausland und wartet ab, was kommt", sagt Iglicka. "Für sie ist es immer noch besser im Ausland zu arbeiten, sogar in der Schattenwirtschaft, als hierher zurückzukommen. Denn die Krise ist global."

"Das Leben ist hier immer noch besser"

Piotr Glisciak hat sich für Irland entschieden: "Ich werde bleiben, sogar wenn ich meine Arbeit verliere." Der 40-Jährige musste schon ans Gesparte gehen, um seine kleine Glaserei in Dublin über Wasser zu halten. Aber er und seine Frau wissen: "Das Leben ist hier immer noch besser als in Polen." Der arbeitslose Lkw-Fahrer Kaminski hingegen packt seine sieben Sachen - für Kanada. "Ich habe Freunde dort." Sie alle seien aus Irland fortgegangen, sagt Kaminski. "Sie sind glücklich jetzt." (Loic Vennin, AFP, derStandard.at, 15.4.2009)