Angesichts der globalen Wirtschaftskrise haben die Teilnehmer am G-20-Gipfel feierlich ihre Absicht bekundet, die Doha-Runde der Welthandelsorganisation (WTO) noch in diesem Jahr abzuschließen und sich jedes Protektionismus zu enthalten. Nur zur Erinnerung: In die Krise geritten haben uns unregulierte und weltweit liberalisierte Finanzmärkte. Aber auch die dramatischen globalen Ungleichgewichte im Außenhandel spielten eine wichtige Rolle. Niemand will einen Rückfall in den Protektionismus der 1930er-Jahre, wer aber so tut, als könne mehr Freihandel uns aus der Krise helfen, macht den Bock zum Gärtner.

Die G-20 nahmen jüngste Weltbank- und WTO-Analysen zum Anlass, vor der Gefahr einer Wiederauferstehung des Protektionismus zu warnen. Die bisher feststellbaren zusätzlichen protektionistischen Maßnahmen im Außenhandel fallen aber nicht wirklich ins Gewicht. Verantwortlich für das Schrumpfen des Welthandels ist der extreme Einbruch der globalen Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen und der Rückzug der Banken aus der Außenhandelsfinanzierung.

Führende Handelspolitiker, allen voran WTO-Generaldirektor Lamy, nehmen dies zum Vorwand, den Abschluss der darniederliegenden Doha-Verhandlungen als Ausweg aus der Krise zu preisen. Ökonomisch wäre weitere Handelsliberalisierung in der gegenwärtigen Situation allerdings kontraproduktiv. In Zeiten eines drastisch fallenden Welthandelsvolumens - laut OECD-Prognose allein 13 Prozent in diesem Jahr - ist nicht mangelnder Marktzugang das Problem, sondern die sinkende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Weitere Liberalisierungen wären daher eine Einladung an wettbewerbsfähige Länder, sich ein größeres Stück vom kleiner werdenden Kuchen zu holen. Globaler Verdrängungswettbewerb wäre die Folge.

Die Merkels und Steinbrücks dieser Welt mögen zwar inständig hoffen, sich dann weitere kostspielige Konjunkturprogramme zu Hause sparen zu können. Weil der Kuchen - sprich das globale Handelsvolumen - aber kleiner wird, ist es für die unter Importkonkurrenz leidenden Defizitländer umso schwieriger, in andere Produktionen und Märkte zu expandieren.

Resultat in diesen Ländern wäre ein weiterer schmerzlicher Verlust an relativ gut bezahlten Jobs, vorrangig in der Industrie. In der Krise gilt vor allem für wettbewerbsschwache Schwellen- und Entwicklungsländer: besser eine schlechte Industrie als gar keine. Den Wettbewerbsdruck da noch durch weitere Handelsliberalisierungen zu erhöhen, könnte geradewegs dazu führen, dass Länder sich zu harten protektionistischen Maßnahmen gezwungen sehen. Mit der absehbaren Folge, dass dann erst recht eine Spirale protektionistischer Vergeltungsmaßnahmen und/oder Währungsabwertungen in Gang gesetzt würde.

Bleibt die Frage, warum sich das Dogma des Freihandels so hartnäckig in den Köpfen vieler Ökonomen und Politiker hält, wo doch der analoge Mythos des freien Kapitalverkehrs und der liberalisierten Finanzmärkte gerade entsorgt wird? Die Freihandelstheorie ist eine im Wesentlichen mikroökonomisch fundierte Theorie des Tausches. Makroökonomische Zusammenhänge bleiben dabei außen vor. Sie sind aber entscheidend für die Stabilität der Weltwirtschaft und die Legitimität eines liberalen Handelsregimes. Gerade ein genauerer Blick auf die derzeitige Krise zeigt, dass das riesige Leistungsbilanzdefizit der USA oder die großen Außenhandelsüberschüsse Deutschlands, Japans oder Chinas die Krise wesentlich mitverursacht haben.

Diese Ungleichgewichte werden nicht automatisch wieder ausgeglichen, sondern können durch spekulative Kapitalflüsse oder Wechselkursbewegungen sogar noch verstärkt werden. Der letztlich notwendige Anpassungsprozess kann mit hohen Kosten verbunden sein und zu schweren politischen Konflikten führen. Freihandel, oder allgemein ein offenes globales Wirtschaftssystem funktioniert auf Dauer nur, wenn die daraus erwachsenden Vorteile allen Teilnehmern halbwegs ausgeglichen zugutekommen. Das heißt auch, dass die jeweiligen Länder langfristig ausgeglichene Leistungsbilanzen anstreben sollten. Wenn Industriestaaten wie zum Beispiel Deutschland - oder Österreich - bewusst auf Wachstum durch Außenhandel setzen und nun den Ländern mit Handelsdefiziten Mangel an Wettbewerbsfähigkeit vorwerfen, verkennen die Protagonisten dieser Politik, dass gerade das rücksichtslose Streben, Exportweltmeister zu werden, den Konsens für ein offenes Handelssystem unterminiert.

Fazit: Den Protektionismus für die globale Wirtschaftskrise verantwortlich zu machen, ist Unfug. Jetzt zu weiteren Handelsliberalisierungen aufzurufen heißt den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Was wir stattdessen brauchen, ist die Ausweitung der Binnennachfrage durch großzügige Ausgabenprogramme, den ökologischen Umbau unserer Volkswirtschaften und den Ausbau des Bildungs- und Sozialwesens.

Und bis auf weiteres moderat steigende Außenhandelsdefizite hinzunehmen, ist der beste Dienst, den die europäische, aber auch die österreichische Wirtschaftspolitik einem offenen Welthandelssystem derzeit leisten können. (Werner Raza, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.4.2009)