Standard: Wie beschreiben Sie das sogenannte Runner's High?

Weidlinger: Du läufst und läufst, alles läuft wie von allein und läuft immer besser. Du quälst dich und hast trotzdem Spaß - eigentlich fast pervers. Am Ende tut's dir richtig leid, dass der Lauf vorbei ist.

Standard: Wie viele Runner's High hatten Sie in der Vorbereitung?

Weidlinger: Ungefähr zehn.

Standard: Sie trainieren seit Ende September, hatten 350 Laufeinheiten, haben 4400 Kilometer zurückgelegt. Sind zehn Runner's High da nicht ein bisschen wenig?

Weidlinger: Ein Runner's High ist ein herausragendes Erlebnis. Das bedeutet nicht, dass mir das Laufen sonst keinen Spaß gemacht hätte. Im Gegenteil - ich war überrascht, wie sehr mir das Training getaugt hat. Ich hatte nie Zweifel.

Standard: Wann haben Sie den Trainingsumfang verringert?

Weidlinger: Vor vier Wochen gab's noch einige richtig harte Einheiten. In den letzten drei Wochen vor dem Marathon hab ich schrittweise auf 150, dann 130, dann 90 Kilometer pro Woche reduziert.

Standard: Die härteste Woche, die längste Trainingseinheit?

Weidlinger: Da gab's zwei Wochen mit je 225 Kilometern, da waren auch hohe Belastungen dabei. Der längste Lauf war 38 Kilometer lang.

Standard: Wie wird einem da nicht langweilig?

Weidlinger: Die Abwechslung ist sehr wichtig. Das beginnt mit der Strecke. Bei mir daheim kenn ich fast jeden Stein, da ist die Gefahr des Abstumpfens schon groß. Deshalb war's wichtig, auf Trainingslager zu gehen. Ich war sechs Wochen in Australien, drei Wochen in Spanien, drei Wochen in Italien. Da hatte ich gute Trainingspartner. Ansonsten begleitet mich sehr oft mein Vater mit dem Fahrrad.

Standard: Bei welchem Tempo können Sie sich noch gut unterhalten?

Weidlinger: Bei einem Kilometerschnitt von 3:20 Minuten ist lockeres Plaudern kein Problem. Unter dem Drei-Minuten-Schnitt, also bei 20 km/h oder mehr, red ich nimmer viel. Ich hör ja auch gerne nur zu.

Standard: Was ist Ihr langsamstes Trainingstempo?

Weidlinger: Einmal bin ich 36 Kilometer mit 4:10 Minuten am Kilometer gelaufen, weil ich mich nach einigen Trainingspartnern gerichtet hab. Ansonsten renn ich eigentlich nie über vier Minuten.

Standard: Wenn Sie sich nicht unterhalten - woran denken Sie, wenn Sie laufen?
Weidlinger: An Gott und die Welt und zeitweise an gar nichts. Es gibt eine gewisse Leere, die ich sehr genieße. Manchmal denk ich an Probleme, die mich beschäftigen, und es fallen mir Lösungen ein.

Standard: Ist Ihnen wichtig, was es neben und vor Ihnen zu sehen gibt?

Weidlinger: Was es zu sehen - und was es zu hören gibt! Ich liebe die Abgeschiedenheit, ich liebe es, Vögel zwitschern zu hören. Ich könnte nie mit Musik laufen, das ist für mich unvorstellbar.

Standard: Nie versucht?

Weidlinger: Vielleicht einmal im Stadion, um mich vom Lärm abzulenken. Aber Musik ist fast kontraproduktiv. Wenn ein Lied kommt, das mir gefällt und das ich am liebsten mitsingen würde, schießt automatisch der Puls hinauf.

Standard: Haben Sie viel auf Asphalt trainiert?

Weildinger: Wohl achtzig Prozent. Australien war die Ausnahme, das Camp irgendwo in den Alpen Victorias, da gab's nur Trial-Wege.

Standard: Wie rasch verbrauchen Sie Laufschuhe?

Weidlinger: Ich habe stets mehrere Paar Schuhe abwechselnd im Einsatz, brauche fünfzehn Paar im Jahr, wechsle relativ oft, laufe so fünfhundert Kilometer pro Paar. 

Standard: Laufen Sie mit GPS, um ganz genau zu wissen, welche Strecken Sie zurücklegen?

Weidlinger: Nein, aber ich lauf im Training immer mit Pulsmesser. Und ich kenn mich ziemlich gut. Bei 125 Puls lauf ich den Kilometer in vier Minuten, bei 130 bis 135 hab ich einen Schnitt von 3:40. Mein Training hab ich sowieso über Zeit und Puls und nicht über Kilometer definiert. Da steht, ich soll zwei Stunden laufen mit dem und dem Puls. Und ob das 30 oder 30,5 Kilometer sind, ist egal.

Standard: Ihre Marschtabelle für den Marathon?

Weidlinger: Mein erklärtes Ziel ist es, den 23 Jahre alten Rekord vonGerhard Hartmann zu brechen, er steht bei 2:12:22. Ich habe zwei Tempomacher, laufe einen km-Schnitt von 3:08 Minuten los und den Halbmarathon in 66 Minuten. Eine sehr defensive Taktik. Wenn ich das Tempo durchlaufen kann, bleib ich knapp unter dem Rekord. Ich nehm's nicht auf die leichte Schulter - aber vielleicht kann ich mich im Finish noch steigern.

Standard: Kurze Beschreibung der längsten Leichtathletik-Übung?

Weidlinger: Der Marathon ist die einzige Disziplin, die aus einem Mythos entstanden ist. Ich würde ihn eine Tourismus-Veranstaltung für Fortgeschrittene nennen - man kommt ja an vielen Sehenswürdigkeiten vorbei. (Mit Günther Weidlinger sprach Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 17.4. 2009)