Bis 2018 werden 1,7 Milliarden Euro für Neubau und Erneuerung der österreichischen Schulen investiert – ein Konjunkturpaket unter vielen, das laut Ministerin Schmied auch dazu beitragen soll, die Bildungsbauten neuen pädagogischen Ansprüchen anzupassen. Aber wie sehen diese aus? Geht es einfach darum, dieselben Klassenzimmer nun für 25 anstatt 30 Schüler zu planen? Für die Ganztagsbetreuung Küchen und Speisesäle zu integrieren? Oder soll moderne Schularchitektur doch mehr bedeuten?

In den einschlägigen Konzeptpapieren der österreichischen Schuldebatte ist Architektur kaum ein Thema, und in den bisherigen Schulbauprogrammen ging es bestenfalls um architektonische, nicht um funktionale Innovationen. Loris Malaguzzi, Begründer der sogenannten Reggio-Pädagogik, nannte den Raum den dritten Pädagogen, weil er seinen Einfluss auf das Lernen für entscheidend hielt. In der Fachdebatte ist die Rede von offenen Lernräumen, Lernlandschaften und Learning-Environments. Aber können solche Visionen in der Praxis der stets zu knappen Budgets auch eingelöst werden? Wenn man sich in Europa umsieht, lässt sich eine Vielzahl an Schulen mit innovativen Raumkonzepten finden, die eine pädagogische Architektur einzulösen versuchen. Das beginnt bei der traditionell kleinsten Einheit der Schule, dem Klassenzimmer. Ein Beispiel dafür ist die Initiative Classrooms for the Future in England: Insgesamt wurden 30 Klassenzimmer der Zukunft in mehreren Städten finanziert, um frische Ideen für den regulären Schulbau zu generieren. Bei den Projekten sollte es um neue Unterrichtsformen, Räume für verschiedene Gruppengrößen, die Integration von Kindern mit speziellen Bedürfnissen und die Nutzung der Schulräume durch die lokale Gemeinschaft gehen. Die zwei neuen Klassenräume der Architektin Prue Chiles für die Ballifield-Volksschule in Sheffield wurden etwa in Zusammenarbeit mit den Schülern entwickelt, die später diese Räume benützen sollten. Die Schüler beratschlagten in Workshops über sechs Wochen lang mit Architekturstudenten der Universität Sheffield über ihre liebsten und unangenehmsten Raumerfahrungen, und so wurde die Erfahrung mit der Rolle des Bauherrn zum Lehrgang darin, die eigenen Bedürfnisse formulieren und als Laie über Architektur urteilen zu können.

Form follows fiction

Bereits einmal, in den geburtenstarken Jahren am Beginn der Zweiten Republik, wurde versucht für die Anforderungen einer neuen Zeit an die Bildung neue Gebäude zu entwickeln. Eine Vielzahl herausragender Schulbauten aus den 1950er- bis 1970er-Jahren ist das Ergebnis dieser Anstrengungen. Der große Unterschied zu heute liegt darin, dass heute nur wenig Bedarf an neuen Schulen besteht und die Schule der Zukunft deshalb meist durch Umbau an bestehenden Gebäuden verwirklicht werden muss.

Welche Möglichkeiten der Erneuerung durch Schulsanierung es gibt, untersucht aktuell ein Forschungsprojekt im Programm "Haus der Zukunft" des Innovationsministeriums. Manchmal reichen schon kleine Eingriffe: beispielsweise neue Möblierung, mehr Transparenz zwischen Klassen oder einfache Umbauten wie diejenigen, die die Baupiloten in Berliner Schulen an sogenannten sozialen Brennpunkten realisierten. In der Erika-Mann-Grundschule in Wedding planten sie die Gänge des strengen Schulbaus von 1915 mit Sitzlandschaften, Garderoben bzw. Spiel- und Lernmöbeln um und realisierten Räume für die Ganztagsbetreuung. Unter dem Motto "form follows kid's fiction" planen die Baupiloten gemeinsam mit den Schulkindern die Neugestaltung. Die von den Kindern erfundenen Geschichten sind Basis für die Architektur. In der Erika-Mann-Schule ist das ein "Silberdrache" , der seinen Weg durch die endlosen Schulgänge nimmt und diese dabei verändert.

Andere europäische Schulkonzepte gehen noch viel weiter und lassen das Konzept Klassenzimmer hinter sich. Auch wenn man die engen Rahmenbedingungen eines Umbaus akzeptieren muss, ist vieles möglich. Die Futurum-Schule in der Nähe von Stockholm ist einer der innovativsten Versuche. Sie folgt dem schwedischen Programm "Schule 2000" : Ziel ist es, Schüler besser auf die Zukunft vorzubereiten. Sie sollen lernen lernen, soziale Kompetenzen erwerben, selbst planen und organisieren können. Basis dafür ist das Konzept der kleinen Schule in der großen Schule. Gruppen von etwa 150 Schülern, ehemals sechs Klassen, "bewohnen" zusammen mit ihren 16 Lehrern ein Lernhaus. Dabei handelt es sich um kleinere Lernräume und Werkstätten, die um einen großen und transparenten gemeinsamen Raum gruppiert sind. Frontalunterricht vor Gruppen von 25 Schülern, also das, was man bisher Klasse nannte, gibt es hier kaum mehr. Stattdessen wird das Lernen an die individuellen Bedürfnisse der Schüler angepasst, Arbeit und Freizeit wechseln im Tagesverlauf ab, und die Schüler folgen beim Lernen ihren persönlichen Wochenplänen. Sie suchen sich den Raum, der gerade am besten ihren Bedürfnissen entspricht: groß oder klein, hell oder dunkel, laut oder leise, mit Musik oder ohne, warm oder kühl.

Futurum besteht aus insgesamt sechs solcher kleinen Schulen mit eigenen Räumen, eigenem Lehrerteam und eigenem Budget. Die Schüler sind in zwei Altersgruppen geteilt, von sechs bis zehn und von elf bis 16. Futurum ist eine Gesamtschule: In den insgesamt zehn Schuljahren werden die Schüler immer vom selben Lehrer als Mentor betreut.

Futurum ist mittlerweile eine Vorzeigeschule von internationaler Bedeutung, obwohl sie aus dem Umbau zweier 70er-Jahre-Schulgebäude entstanden ist. Wie ein völlig neues Gebäude aussehen kann, das auf demselben Programm "Schule 2000" basiert, zeigt die Hellerup-Schule in Dänemark: Dort gibt es nichts mehr, was einem Klassenzimmer ähnelt, sondern völlig offene Geschoßebenen, ähnlich einem Großraumbüro. Der offene Raum bietet unterschiedlichste Lernumgebungen und etwas, das viele andere Schulen nicht besitzen: ein Raumerlebnis.

Mittlerweile gibt es deutsche Regelschulen, die ähnlich wie Futurum funktionieren. Und wenn sich Finnland auf Deutschland übertragen lässt, kann der Weg bis Österreich nicht mehr weit sein. Der Raum ist also der dritte Pädagoge (nach den anderen Kindern und dem Lehrer), wie Loris Malaguzzi festgestellt hat. Dementsprechend sollte man für ihn auch große Sorgfalt aufwenden. (Robert Temel/DER STANDARD, 18.04.2009)