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Auch der damalige amerikanische Präsident Woodrow Wilson war ein bekennender Bewunderer Houdinis. Freimütig gestand Wilson ein, sich oftmals gewünscht zu haben, sich aus mancher verzwickten Notlage ebenso behände befreien zu können wie Houdini.

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Inmitten der schwersten Wirtschaftskrise feierte er Triumphe. Sein Ruhm gründete darauf, dass er sich aus allen Notlagen zu befreien vermochte

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Etwa so viel, wie der sogenannte Rettungsschirm für unsere Banken beträgt, eine halbe Billion, zahlte der im stillen Berlin-Steglitz lebende Franz Kafka im Herbst des Jahres 1923 für eine Kinokarte. Zwar verfügte Kafka über eine in harten tschechischen Kronen ausbezahlte Rente, doch die Teuerung zernagte auch diese mit solcher Vehemenz, dass der wegen seiner kranken Lunge frühpensionierte Versicherungsangestellte seiner größten Leidenschaft, dem Kino, nur noch selten nachgehen konnte. Nur dann, wenn seine Eltern aus Prag frische Kronen geschickt hatten, die er im beängstigenden Großstadtgedränge an der Friedrichstraße in die galoppierenden Milliarden des hoffnungslos überschuldeten Deutschen Reichs umtauschte, konnte er sich leisten, eines der geliebten Lichtspielhäuser am Zoo aufzusuchen.

Inmitten der schwersten wirtschaftlichen Krise seit dem Ende des Ersten Weltkriegs feierte dort aber nicht nur der Tramp Charlie, Chaplins herzrührende Figur, Triumphe, sondern auch ein Mann, der sich seinen Ruhm auf den Brettern des Vaudeville, über den Dächern der Hochhäuser und im Sturzflug von den gewaltigsten Brücken Europas und Amerikas verdient hatte und der sich in seinen Filmen Howard Hillary oder Heath Haldane nannte: Harry Houdini.

Nach seiner ersten Station auf dem europäischen Kontinent, dem Dresdner Central Theater, ging es nach Berlin, wo schon vorab ausverkaufte Auftritte im Wintergarten angesetzt waren und wo ihn nicht einmal 300 Beamte der preußischen Polizei daran hindern konnten, sich seiner Fesseln zu entledigen.

Richtig berühmt wurde Houdini allerdings 1902 durch einen Prozess in Köln, in dem er beschuldigt wurde, sein Publikum zu betrügen. Wie zur Karikatur der Anklage bestand er darauf, den Gerichtssaal mit original Kölner Polizeihandschellen gefesselt zu betreten, und selbstverständlich entledigte er sich dieser binnen weniger Augenblicke und überzeugte Richter, Anwälte und Prozessbeobachter, dass für seine Entfesselungskünste nichts anderes als schließtechnisches Wissen, höchste Geschicklichkeit und Fitness und vor allem ein brillanter Verstand verantwortlich waren, gemäß seinem Lebensmotto: "My brain is the key that sets me free" - "Mein Verstand ist der Schlüssel, mit dem ich mich befreie".

Von Köln aus fuhr er mit dem Expresszug nach Münster, wo Alexander Heimberger lebte, mit seinen vierundachtzig Jahren der älteste lebende Zauberer. Der Autor des Standardwerks "Der Moderne Zauberer" glich mit seinem mächtigen weißen Bart einem biblischen Patriarchen, und er war so schwerhörig, dass Houdini - zwar aus Leibeskräften brüllend - sich kaum mit ihm verständigen konnte. Doch Heimbergers Briefe, seine Programmhefte und Skizzenbücher faszinierten ihn: "Es war", schrieb Houdini später, "als läge die Geschichte der Zauberei offen vor mir und meinen scharfen Augen ausgerollt."

In der Tat: Der Münsteraner mit dem stolzen Künstlernamen "Alexander, der Taschenspieler" war der erste Zauberkünstler, der - fünfzig Jahre früher - im Weißen Haus in Washington aufgetreten war, und er hatte nicht nur die Zauberer-Legenden P.T. Barnum und Robert-Houdin (nach dem sich Houdini selbst benannt hatte) persönlich gekannt, sondern war auch der einzige Magier, der namentlich in Melvilles Meisterwerk Moby Dick erwähnt wurde.

Von Münster fuhr Houdini zurück nach Köln und weiter nach Dresden, um noch einen anderen alten Meister der Zaubererzunft zu kontaktieren, Wiljalba Frikell, der hochbetagt in seiner Villa in Kötzschenbroda lebte und sich zunächst - aus Sorge es könne sich bei dem ihm zunächst unbekannten jungen Mann um einen unehelichen Sohn handeln - verleugnen ließ.

Faszination und Grausen

Frikell war der erste Zauberkünstler, der ohne Apparate auskam und seine Tricks allein durch Fingerfertigkeit und die Manipulation der Aufmerksamkeit des Publikums vollbrachte - ein Wegbereiter Houdinis, dem der schließlich doch vereinbarte Besuch im Kötzschenbroda'schen Ledenweg zu einer unheimlichen und seltsamen Begegnung wurde: Denn als er die Villa betrat, war zwar alles für ihn vorbereitet, Requisiten, Fotos und Erinnerungsstücke waren ausgebreitet, doch der Altmeister war zwei Stunden zuvor von einer Herzattacke niedergestreckt worden und ruhte tot auf dem Bett, mit seinem alten Bühnenanzug bekleidet, den er zu Ehren des jungen Entfesselungsgenies ein letztes Mal angelegt hatte.

Obwohl er sich zeitlebens gegen den Verdacht übernatürlicher Kräfte wehrte, ja in den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens sogar zu einem verbissenen Kämpfer gegen jede Art von Spiritismus wurde, blieb er für die Öffentlichkeit und sein Publikum für immer der Sphäre des Übersinnlich- Übermenschlichen verhaftet. Sogar seine Freundschaft mit dem gleichermaßen weltberühmten Sir Arthur Conan Doyle - einem fanatischen Spiritisten, der einfach nicht akzeptieren wollte, Houdinis Entfesselungskünste könnten normal-menschlicher Natur sein - gab er der nüchternen Wahrheit zuliebe auf. Glauben, alles ginge mit rechten Dingen zu, wollten ihm dennoch nur die wenigsten.

Die zwischen Faszination und Grausen schwankende Wirkung, die von einem bis zur vollkommenen Bewegungsunmöglichkeit gefesselten Menschen ausgeht, stammt wohl aus Menschheitskindertagen: der gefesselte Unhold, dem es gelingt, mitten unter denen auszubrechen, die ihn gebannt sehen wollten, einerseits. Andererseits: der gefesselte Prometheus, der, unschuldig und vom grausamen Schicksal in ungerechte Fesseln geschlagen, ringt und nicht aufgibt, bis es ihm gelungen ist, sich zu befreien.

Dass Houdini stets handelsübliche Schlösser benutzte, ja sich regelmäßig einen Wettbewerb mit diensteifrigen Polizisten und ehrgeizigen Schlossmachern lieferte, von denen es keinem jemals gelang, ihn tatsächlich in Bann zu schlagen, ließ kaum einen seiner Zeitgenossen kalt, rief aber auch Widersacher auf den Plan, deren neiderfüllter Ehrgeiz, der erste zu sein, dem es gelänge, Houdini zu fesseln, zuweilen bedrohliche Ausmaße annahm.

So kam es während seines Gastspiels im damaligen Essener Colosseum zu einer Konfrontation mit einem Herausforderer, der den Eskapisten mit einer Brutalität fesselte, die der berichtende Journalist "schlicht unmenschlich" nannte. Houdini, der es mit seiner in Essen erstmalig gezeigten Flucht aus einer vernagelten Versandkiste oder der spielerischen Öffnung eines originalen Reichsbank-Schlosses zum absoluten Liebling des Essener Publikums und zum erfolgreichsten Künstler in der Geschichte des Colosseum gebracht hatte, wurde von dem bösen Finsterling namens Kinsky mit Tauen verschnürt, als wäre er ein Stück Vieh. Als er sich dennoch genau siebzehn Minuten später aus Kinskys Fesselung befreit hatte, schenkte ihm das vor Begeisterung rasende Publikum sechs Vorhänge. Seine von Striemen gezeichneten und geschwollenen Gelenke musste er nach diesem bedrückenden Auftritt allerdings tagelang mit Eis kühlen.

"To houdinize"

Genau wegen jener bis aufs Blut gehenden Dramatik wurden die Varieté-Bühnen diesseits und jenseits des Atlantik bald zu klein für Houdini. In Zwangsjacken verschnürt, mit Ketten umschlungen, angetan mit Fußfesseln und auf dem Rücken mit Handschellen gefesselten Armen baumelte er schließlich von Hochhäusern und stürzte sich in tiefe, trübe Gewässer. Er riskierte immer wieder sein Leben, zigtausenden Zuschauern stockte der Atem - und Houdini triumphierte. Aus einem der ältesten Berufe, dem gaukelnden Zauberer, den jeder Erdteil und die ältesten Völker kennen, machte Houdini so die größte Attraktion Amerikas und Europas.

Schlag in den Magen

Nicht nur die kleinen Angestellten und Arbeiter, deren Idol der Meistereskapist war, auch der damalige amerikanische Präsident Woodrow Wilson - Sie wissen schon, derjenige, dessen Konterfei sich auf dem 100.000-Dollar-Schein befindet, einer Banknote, die gerade beim heutigen Präsidenten einige Begehrlichkeiten wecken dürfte - war ein bekennender Bewunderer Houdinis. Freimütig gestand Wilson ein, sich oftmals gewünscht zu haben, sich aus mancher verzwickten Notlage ebenso behände befreien zu können wie Houdini.

Wilson war einer der ersten hochrangigen Politiker, der den ersten Weltkrieg als einen im Kern ökonomischen Konflikt begriff. In der Zeit nach dieser Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, als die Krise einfach nicht mehr weichen wollte, stieg der Zauberer der Befreiung nicht nur zum bekanntesten Menschen seiner Zeit auf, sondern durfte als erster miterleben, wie sein eigener Name noch zu seinen Lebzeiten zu einem Synonym und einem regulären Wort der eigenen Sprache wurde. Das für seine populärkulturelle Kompetenz berühmte Wörterbuch "Funk&Wagnall" führte in der Ausgabe des Jahres 1920 zum ersten Mal das Verb "to houdinize" - was so viel bedeutet, wie sich aus Fesseln zu befreien, sich aus einer bedrückenden Zwangslage herauszuwinden.

So blieb Houdinis Ehrgeiz die einzige Barriere, die selbst er nicht überwinden konnte. Keiner technischen Herausforderung konnte er aus dem Weg gehen, unermüdlich trainierte und arbeitete er an sich und glich auf diese Weise ganz genau jenem "Trapezkünstler" , von dem Franz Kafka im Jahre 1924 in seiner letzten Veröffentlichung zu Lebzeiten schrieb: "Ein Trapezkünstler (...) hatte sein Leben derart eingerichtet, dass er (...) Tag und Nacht auf dem Trapez blieb. Auch sah man natürlich ein, dass er nicht aus Mutwillen so lebte und eigentlich nur so sich in dauernder Übung erhalten, nur so seine Kunst in ihrer Vollkommenheit bewahren konnte."

Während der vollkommen unbekannte Kafka, von der Inflation aus Berlin vertrieben und von der Tuberkulose schwer angegriffen, noch im gleichen Jahr, 1924, starb, lebte Houdini, auf der Höhe seines Ruhms, noch zwei weitere Jahre, bis ein Schlag in den Magen, den er aus PR-Gründen über sich ergehen ließ, seinen Blinddarm zerfetzte. Da er sich weigerte, seine Auftritte trotz schrecklicher Schmerzen abzusagen, starb er eine Woche später, am 31.Oktober 1926, ausgerechnet also an Halloween.

Es vergingen kaum zwei Jahre, mitten in der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1928, da tauchten erste Gerüchte auf, Houdini wäre aus seinem Grab verschwunden, und nicht wenige glaubten daran. Wie hätte es auch anders sein können? (Steffen Kopetzky, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 18./19.04.2009)