"Heute", schreibt Philipp Blom, "würde es niemandem einfallen, die Jahre von 1990 bis 2001 ausschließlich von der Warte des 11. September aus zu sehen und die Welt dafür verantwortlich zu machen, daß sie die Ereignisse der kommenden Jahre nicht vorausgesehen hat."

Ein entsprechendes Gedankenexperiment schlägt der Historiker und Schriftsteller für die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg vor: Wir mögen uns vorstellen, dass alles, was seither geschah, von den Schüssen in Sarajewo bis zum zweiten großen Krieg und, ja, 9/11, nicht bekannt ist. Wir sollen "diese historiographische Brille abnehmen" . Die Epoche davor soll aus sich heraus verstanden werden.

Mit diesem Ansatz unterzieht Blom Europa von 1900 bis 1914 einer verschlungenen, komplexen, auf vielen Ebenen spielenden Analyse. Ihr Ziel ist es zu verstehen, was die Menschen damals bewegt hat - in jedem Sinn des Wortes -, wie sie die Veränderungen im fin de siècle erlebt und sich erklärt haben. Ein wesentliches Ergebnis der Studie klingt im Titel des Buches an: Der taumelnde Kontinent.

Denn die retrospektive Verklärung zur Belle Époque greift zu kurz oder überhaupt daneben. Auch dass die Großmächte gegeneinander zielstrebig angetreten seien, bis zum Funken des Attentats auf Franz Ferdinand, wird durch zeitgenössische Quellen relativiert. So war Karl Kraus' Diktum von der Doppelmonarchie als "Experimentierstation für den Weltuntergang" zwar hellseherisch, aber nur eine unter tausenden Stimmen.

Blom hat sie zu einer Polyfonie verarbeitet. Der Überblick ergibt sich bei ihm quasi biografisch: 1970 in Hamburg geboren, hat er in Oxford studiert, in London und Paris gelebt, seit einigen Jahren arbeitet er in Wien, unter anderem für den ORF und den Standard. Seine Auffassung von Historiografie ist von Wissenschaftern wie Simon Schama und Tony Judt geprägt. Wie sie, die Panoramen von der Französischen Revolution oder von Nachkriegseuropa gezeichnet haben, löst auch er das Versprechen des "Narrativen" doppelt ein: Historie wird als Erzählung aufgefasst. Und sie wird spannend erzählt. Nicht zufällig hat Philipp Blom sein neues Buch zuerst auf Englisch geschrieben (und dann selbst übersetzt).

Leitmotivisch spielen gegenläufige Kräfte die Hauptrollen bei dem Drama in 15 Kapiteln: die Beschleunigung des Lebens - und die wachsenden Schwierigkeiten der Zeitgenossen, damit Schritt zu halten; die Versprechen von sozialer, sexueller, ökonomischer Befreiung - und die Reaktionen, die sich auf ewige Werte beziehen bzw. sie erfinden; die Sehnsucht nach fernen Welten - und die Versenkung in Unbewusstes.

Es ist also nicht History mit großem H, sondern Geschichte(n) auf allen Ebenen. Im Mittelpunkt stehen nicht Kaiser, Queen und Feldherren (obwohl die auch vorkommen und gelegentlich ihr Fett abkriegen), sondern Künstler, Techniker, Schauspieler, Visionäre, Marie Curie und Sarah Bernhardt, Freud und Wagner (der Mörder, nicht der Musiker). Menschen, die die Zeitgenossen bewegt und Zeittypisches verkörpert haben. 

Die Kunst der Vertigo Years, so der Originaltitel, besteht darin, dass der Autor die Gesamtschau behält, während er bedeutsame Details an den unterschiedlichsten Orten findet. Wie Schama seine Chronik der Französischen Revolution, beginnt auch Blom sein Werk mit der Schilderung einer Statue. Beide standen in Paris, beide waren aus Gips, hypertrophe Symbole der Anmaßung.

Wenn man die Komplexität dieser schwindelnden Jahre auf einen Nenner reduzieren wollte, das wäre er: eine wachsende Beschäftigung mit "den Nerven". Neurasthenie war nicht nur eine Mode, sie war eine Massenerscheinung, so wie das Reise-Fieber wirklich fiebrige Züge annahm.

Alles wurde immer intensiver, und man selbst wurde immer wehrloser. Blom zitiert Max Weber, der angesichts der Politik Wilhelms II. schreibt: "Man hat den Eindruck, als säße man in einem Eisenbahnzug von großer Fahrgeschwindigkeit, wäre aber im Zweifel, ob auch die nächste Weiche richtig gestellt werden würde." Als weiteres Indiz legt Blom einenZeitungsartikel vor, in dem die Themen Neurasthenie, Leistungsdruck, jugendliche Verwirrung und emotionale Frustration verknüpft werden: Ein Gymnasialschüler sei an Hirnhautentzündung gestorben, "weil er das lateinische Verbum amare (lieben) zu intensiv gelernt habe". Das Cover ziert ein berühmtes Foto von Jacques-Henri Lartigue von 1912: eine Allegorie des Tempos, dem der Apparat kaum folgen kann; Begeisterung und Schrecken in einem.

Auch die weltgeschichtlichen Ereignisse führt Blom dem Leser so vor, wie sie seinerzeit Zeitgenossen erlebt haben. Den ungeheuren Völkermord der Belgier im Kongo schildert er aus der Perspektive der Männer, die ihn gegen große Widerstände publik gemacht haben.

Das Buch, das so beeindruckend ein Panorama von damals entfaltet, entlässt uns unter anderem mit der Frage, ob wir heute klüger dastehen, was die Zukunft angeht. Man kann sie getrost mit Nein beantworten. (Michael Freund, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 18./19.04.2009)