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Juli Zeh

Foto: APA

Überdeutlich stehen anfangs die Signale auf Mitte. Eine "zur Ruhe gekommene Menschheit" habe die überwachte Gesundheit zum System staatlicher Legitimation, genannt "Methode", erhoben. Abseits an einen Fluss zu gehen, zu rauchen und zu angeln, die Fische zu braten und zu verspeisen - das seien schwere Delikte.

Das Ideal bestimmt eine umfassend gesäuberte Existenz, dem Leben sind Individualität und Ursprünglichkeit untersagt. Eine totalitäre Zukunft der Körperkontrolle, der vorgeschriebenen Radelkilometer und Blutwerte malt Juli Zeh in ihrem Roman "Corpus Delicti" aus, indem sie sich in altbackener Weise integrativ ans Wir wendet: "mitten in der Stadt, mitten am Tag und in der Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts - dort beginnt unsere Geschichte."

Dem Lesepublikum wird allerdings nicht viel zugetraut, denn es sind ihm auch Erklärungen zugedacht, die offene Verständnistüren einrennen. "Wählen wir für ein paar Minuten die Vergangenheitsform" oder "Wir haben ein paar Augenblicke Zeit, um zu begreifen, wer wirklich vor der Tür steht: Die Mordnacht. Vergangenheit" bemüht sich dieses Erzählen mit erhobenem Zeigefinger.

Als Exempel dient die erfolgreiche Biologin Mia Holl. Auf dem vor Gericht gezeigten Foto sieht sie wie 20 oder wie 40 aus: "Das Geburtsdatum beweist, dass die Wahrheit wie so oft in der Mitte liegt." Von ihrem überaus geliebten Bruder Moritz hat sie erfahren, was sie von innen vergifte, sei "die faule Stelle in der Mitte des Systems". Sie ist aus der gesunden Bahn geworfen, nachdem Moritz sich, wegen Mordes verurteilt, das Leben genommen hat.

Da Mia die Ordnung vernachlässigt, gelangt sie in die Fänge der Justiz und des berühmtesten, schönen Propagandisten der "Methode", der im Zentralorgan "Der gesunde Menschenverstand" den vernünftigen Ton vorgibt.

Recht auf Krankheit

Moritz und Mia, der man vor Gericht anfangs eine Idealbiografie bescheinigt, werden zu Terroristen erklärt, schließlich zu führenden Köpfen der Methodenfeinde, einer R.A.K. ("Recht auf Krankheit"). Mia, die Biologin, glaubt nämlich gegen den DNA-Beweis an die Unschuld des Bruders, ihrem Anwalt gelingt der Nachweis eines Justizirrtums: Eine solche Äußerung des Lebens darf im Ideal der Rationaldiktatur nicht sein.

So unwahrscheinlich die Lösung des Mordfalls ist, so plakativ hält Juli Zeh trotz ansprechender Passagen ihr "Corpus Delicti". Zwar geht es um Fantasie gegen Verstandesherrschaft, die Einbildungskraft jedoch dringt in diesem Thesenroman wenig durch.

Die Dialoge sind oft Phrasen, die Systemüberlegungen flach. Es dominiert eine Schwarz-Weiß-Malerei, der Erzählgestus erscheint zu explizit und pädagogisch. Die angekündigte Erkenntnis, eine Persönlichkeit bestehe aus Rhetorik, scheint die Erzählung umsetzen zu wollen.

Sie bleibt jedoch gerade in der Rhetorik so klischeehaft, dass Persönliches als Konzept und nicht als Ausformung eines Individuums wirkt. Und so nützt es literarisch wenig, dass die anfängli-che Mitte ins Extreme gerät. Zukünftiges Ideal und Leben wirken als simple Diagnose des Heute aus der angeblichen Distanz von morgen. (Klaus Zeyringer, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 18./19.04.2009)