Bild nicht mehr verfügbar.

Viele neue Gentechnikentwicklungen: Blaue Nelken und hochstärkehaltige Erdäpfel soll es bald geben, Genmanipulation beim Schwein auch.

Foto: Reuters, Cremer, dpa, Fischer; Collage: Druml

Die deutsche Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat mit dem Verbot einer gentechnisch veränderten Maissorte die CDU gegen sich aufgebracht. In Europa gibt es ein neues Tauziehen um die Entscheidungshoheit zwischen Brüssel und Mitgliedstaaten.

***

"Die Entscheidungen über die Nutzung gentechnisch veränderten Saatguts könnte jetzt von der EU-Kommission in die Mitgliedsländer verlegt werden", kommentiert Helmut Gaugitsch vom Umweltbundesamt. Auch Agrarminister Nikolaus Berlakovich (VP) hatte erst kürzlich in Brüssel in diese Richtung argumentiert. Die Länder, die sich gegen ein Verbot von Mon810 des US-Konzerns Monsanto ausgesprochen haben, waren es müde geworden, in schöner Regelmäßigkeit im Umweltministerrat über die Sache abzustimmen.

Jetzt gelte es, den Rückenwind, der durch das Nein der deutschen Agrarministerin Ilse Aigner entstanden ist, zu nutzen. Die Kommission werde aber nicht gerne die Entscheidungshoheit in dieser Frage aus der Hand geben, schätzt Gaugitsch, schließlich bedeutet dies ein Stück weniger gemeinsamer Markt. Allerdings hat Österreich mittlerweile viele Verbündete. Selbst die Niederlande, ein Mitglied, das dem Anbau und der Nutzung von GVO positiv gegenübersteht, will, dass die einzelnen Länder mehr Spielraum haben, wie sie mit gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln umgehen.

Und auch innerhalb dieses Spielraums werden die kontroversiellen Entscheidungen nicht weniger. International schreitet die Entwicklung im Bereich Gentechnik schnell voran; viele neue Produkte sind in der Pipeline.

Aufregung um "Genschwein" 

Da ist etwa das EU-Patent EP 1651777 ("Schweinezuchtpatent" ), gegen das deutsche Bauern Sturm laufen. Vergangene Woche protestierten zahlreiche Landwirte vor dem Europäischen Patentamt in München gegen das "Genschwein". Umwelt- und Bauernverbände sowie das Land Hessen legten Einspruch gegen das Patent ein, das die US-Firma Newsham Choice Genetics von Monsanto gekauft hatte.

Bei dem Patent geht es um ein Gentestverfahren, das besonders produktive Schweine identifiziert, Tiere also, die aufgrund eines bestimmten Gens schnell wachsen und viel Fleisch liefern. Zwar hat das Patentamt nur das Screening-Verfahren zur Auswahl der Tiere genehmigt, nicht den Anspruch auf die Tiere und deren Nachkommen, die nach dem patentierten Verfahren auf die Welt kommen, Kritiker sorgen sich aber dennoch, das künftig in herkömmliche Zuchtmethoden eingegriffen wird.

Weniger Aufruhr gibt es im Falle von Entwicklungen von Produkten, die nicht verzehrt werden: etwa bei einer blauen Nelke oder einer besonders stärkehaltigen Erdapfelsorte namens Amflora von BASF, deren Stärke in der Papier- und Klebstoffherstellung eingesetzt werden soll.

Den Gegnern der Gentechnik wird vielfach Wissenschaftsfeindlichkeit vorgeworfen. Entscheidungen wie jene gegen den Anbau von Mon810 seien populistischer Natur und politisch motiviert, kritisiert der Wiener Genetiker Josef Glößl vom Institut für angewandte Genetik und Zellbiologie an der Boku: "Mon810 ist hinlänglich und lange ausgetestet", sagt er. Der GV-Mais sei mehr als zehn Jahre lang zugelassen. Da der Mais nicht auskreuze und keine Verwandten habe, gebe es auch keine Umweltauswirkung.

In Deutschland spaltet die Gentechnik sogar CDU/CSU tief. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) will das Genmaisverbot von Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) nicht hinnehmen und klagt im Focus: "Im Koalitionsvertrag haben wir uns verpflichtet, Forschung und Anwendung der grünen Gentechnik zu fördern." Dies müsse gerade jetzt in der Wirtschaftskrise gelten.

Glößl meint, dass es in Österreich und Deutschland eine effiziente "Protestindustrie" gebe, der es um Spendengelder verängstigter Bürger gehe. "Die Diskussion wird mit allen möglichen Aspekten geführt. Die Unberechenbarkeit rund um Gentechnik bringt es dann mit sich, dass nur mehr große Unternehmen gentechnische Forschung und Entwicklung betreiben können und wollen." (Johanna Ruzicka, Birgit Baumann, DER STANDARD, Printausgabe, 20.4.2009)