Wien - Das Wiener Konzertwochenende war von zwei Ereignissen im Musikverein geprägt, die wie Meteoriten in die Routine der üblichen Programme einschlugen. Gemeint sind die Wiedergabe des Soloparts in Sergej Prokofjews zweitem Klavierkonzert (g-Moll, op. 16) durch Elisabeth Leonskaja mit dem Radiosymphonieorchester unter Dimitrij Kitajenko und die Aufführung von György Ligetis Violinkonzert durch die von Simon Rattle geleiteten Wiener Philharmoniker mit Frank Peter Zimmermann als Solisten.

Leonskaja lässt sich in ihrer jeder Äußerlichkeit abholden konzentrierten Sachlichkeit noch am ehesten mit Alfred Brendel vergleichen. Doch ihre künstlerische Heimat liegt ganz woanders. Nicht umsonst nennt man sie „la dernière grande dame de l'école soviétique". Denn der große Svjatoslav Richter war ihr Mentor, von dem sie die meditative Ruhe übernommen hat, die den lyrischen Passagen in Prokofjews Klavierkonzert unvergleichlich intensiven Nachdruck verleiht. Und vielleicht auch die Sicherheit, mit der sie die motorischen Gewalttätigkeiten dieses Konzertes nicht nur meistert, sondern die in diesen Akkordfluten verborgenen thematischen Zusammenhänge durch nuancierte Anschlagstärke auch noch hörbar macht.

Im RSO hatte Leonskaja eine partnerschaftliche Assistenz. Dmitrij Kitajenko hat die Dynamik zwischen Soloinstrument und Orchester souverän ausbalanciert und den Chor der Streicher und die Bläsergruppen wirksam eingesetzt. Zuvor hat er für eine kultivierte Wiedergabe von Darius Milhauds La création du monde gesorgt. Für das abschließende divin poème, die 3. Symphonie in c-Moll, op. 43, von Alexander Skrjabin hat möglicherweise Probenzeit gefehlt. Der Wiedergabe dieses groß besetzten, dickflüssigen Mammutwerks fehlte es an gliedernden Akzenten.
Simon Rattle lieferte mit den Philharmonikern ein Sandwich aus zwei Haydn-Symphonien (Es-Dur, Hob. I:91, und G-Dur, Hob. I:92, Oxford-Symphonie), dessen für den philharmonischen Abonnenten womöglich schwerverdauliche Fülle aus György Ligetis Violinkonzert bestand. Mit diesem Werk Ligetis haben sich die Philharmoniker auf abgelegenes Terrain gewagt, über das sie Rattle sicher geleitet hat.

Vor allem ist es aber das Verdienst von Frank Peter Zimmermann, der alle sprunghaften stilistischen Wechsel mit beispielloser Präzision realisiert hat. Ligeti hat hier Zeit-, Raum- und Stilachsen mit beinah dadaistischem Mutwillen verschränkt, hat in einer Art von Klangalchemie Historisches im Exotischen und Geordnetes im Chaotischen aufgehen lassen. Den geistigen Ansatz und das interpretatorische Niveau hat das Publikum hörbar zu würdigen gewusst. Nach den Haydn-Symphonien herrschte freilich und zu Recht eitel Wonne. (Peter Vujica/DER STANDARD, Printausgabe, 20. 4. 2009)