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Journalismus "muss mit Leidenschaft ausgeübt werden, sonst wird nix draus": Alice Schwarzer doziert ab Mittwoch am Wiener Publizistikinstitut über Interview und Ethik im Journalismus.

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Arbeiten wie die Medienprofis

Wenige Interviewpartner arbeiten so professionell wie Alice Schwarzer: Wer ihr Fragen mailt, erhält Antworten in der gewünschten Zeichenzahl. Und die Bitte um Bestätigung, dass beim Interview das aktuelle Emma-Cover steht sowie der Link auf www.aliceschwarzer.de.

 

 

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Wann "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer journalistischer Verführung erlag und wer ihr die langweiligsten Fragen stellt, verriet sie Doris Priesching. Und sie riskiert, "in der Luft zerrissen zu werden". 

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STANDARD: Als Herzl-Dozentin am Wiener Publizistikinstitut tragen Sie über das Interview vor. Was zeichnet ein gutes Interview aus?

Schwarzer: Das Wichtigste ist Neugierde und Offenheit. Wer voreingenommen und kritisch um jeden Preis fragt, erfährt nichts. Die langweiligsten Fragen, die an mich gestellt werden, kommen in der Regel von ideologisch Bornierten, meist Linken.

STANDARD: Sie sprechen auch über Journalismus und Ethik. Können Sie sich an Grenzfälle im eigenen Berufsdasein erinnern?

Schwarzer: Ja, ich bin einmal der Verführung erlegen - und hoffentlich nie wieder. Ich war 24 und Volontärin bei den Düsseldorfer Nachrichten. Als flammende junge Reporterin hörte ich den Polizeifunk ab und war die Erste bei der Leiche: ein junges Mädchen, ertrunken im Wassergraben. Ich habe darüber recht effekthascherisch berichtet. Zu meiner späteren Beschämung. Die 16-Jährige war von ihrem 17-jährigen Freund erwürgt worden, weil sie schwanger geworden war.

STANDARD: Was halten Sie von Castingshows wie "Germany's Next Topmodel" oder "Deutschland sucht den Superstar"?

Schwarzer: Beide Shows habe ich vor nicht langer Zeit an zwei hintereinander folgenden Tagen zum ersten Mal gesehen. Auf die Gefahr hin, dass ich in der Luft zerrissen werde: Bohlen fand ich komisch. Eigentlich gar nicht zynisch, sondern mit seiner Freude auch an schrägen Kandidaten eher anarchisch, und zwar hart, aber offen den Menschen gegenüber. Die Model-Show von Heidi Klum hingegen finde ich wirklich menschenfeindlich. Mit welcher Kälte und Arroganz sie diese naiven jungen Mädchen vorführt - einfach widerlich. Wir haben Heidi Klum deshalb in der nächsten Emma auch zum "Pascha des Monats" gemacht.

STANDARD: Ist für Sie nachvollziehbar, dass Frauen um die 30 bei feministischen Themen eine andere Perspektive und andere Erwartungen an Fragen der Gleichstellung haben und sich trotzdem feministisch nennen? Im Buch "Neue deutsche Mädchen" von Jana Hensel und Elisabeth Räther wird dergleichen vorgestellt.

Schwarzer: Nachvollziehbar ist für mich fast alles, was menschlich ist. Und es geht auch nicht um das Verteilen von Noten. Es geht um die Frage: Was ist Feminismus? Und das ist eben nicht nur ein persönliches Wohlfühlprogramm oder das Gejammer darüber, dass die Männer nicht immer so wollen, wie ich will. Feminismus bedeutet mehr Rechte für Frauen - aber auch mehr Verantwortung. Und Feminismus bedeutet mehr Chancen für alle, nicht nur für mich persönlich.

STANDARD: Was raten Sie Berufseinsteigerinnen, jungen Frauen, die im Journalismus Fuß fassen wollen?

Schwarzer: Zu lernen, ja. Aber auch: zu leben, auch im Ausland, um über den eigenen Tellerrand zu gucken. Und vor allem: an der Front, am besten bei einer Tageszeitung, volontieren und auch das kleinste Ereignis ernst nehmen. Dieser so schöne Beruf muss mit Leidenschaft ausgeübt werden! Sonst wird nix draus.

STANDARD: Bemerken Sie einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftskrise und Diskriminierung in der Berichterstattung?

Schwarzer: Hängt vielleicht die überraschende neue Propagierung der ewigen Weiblichkeit und der Hausfrauenehe - wie jüngst in Interviews in der Zeit und im Spiegel - damit zusammen? Das Auffallende ist, dass so was meist nicht von Männern, sondern von der wohl erschöpften Sandwich-Generation der Journalistinnen kommt.´

STANDARD: Spürt "Emma" die Wirtschaftskrise?

Schwarzer: Emma hatte - durchaus zu unserem Bedauern - noch nie viele Anzeigen. Die Werbebranche scheint uns die Kritik an der sexistischen Werbung übel zu nehmen. Nur zehn Prozent unserer Einnahmen kommen aus der Werbung, 90 Prozent aus dem Verkauf des Heftes - und der Löwenanteil aus den Abonnements. Was den Vorteil hat, dass uns die Krise nur streift. Emma schreibt schwarze Zahlen.

STANDARD: Wie lange wollen Sie "Emma"-Herausgeberin sein?

Schwarzer: Da ich die Verlegerin von Emma bin, werde ich immer auch ihre "Herausgeberin" bleiben. Das ist ja eine Art Ehrenposten, bei dem man so viel mitmischt, wie die eigene Zeit und Lust erlaubt. Nur für den Knochenjob der Chefredakteurin, für den suche ich schon lange eine tüchtige Frau. Sie muss eine sehr gute Journalistin und eine bewusste Feministin sein und keine Angst haben vor einem Zwölf-Stunden-Tag und Wochenendarbeit. Wenn es sein muss. (DER STANDARD; Printausgabe, 20.4.2009)