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Nie um einen guten Ratschlag verlegen: Nicolas Sarkozy mit Angela Merkel.

Foto: AP / Geert Vanden Wijngaert

Paris – Ist Nicolas Sarkozy sakrosankt? Kuscht der Großteil der französischen Medien vor dem Staatspräsidenten, aus Angst vor Repressalien des Elysees oder seiner mächtigen Freunde in den Verlagen und Sendern? Das jedenfalls meint die linksgerichtete Zeitung "Liberation".

Neue Nahrung für den altbekannten Vorwurf gibt die sogenannte Zapatero-Affäre, die das kritische Blatt in der vergangenen Woche losgetreten hat und in der Sarkozy als Möchtegern dasteht, der sich über seine Kollegen lustig macht. US-Präsident Barack Obama sei von "subtilem Verstand", habe aber nie ein Ministerium geleitet, sagte Sarkozy vor Abgeordneten. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sei wegen der Finanzkrise gezwungen gewesen, auf seine eigene wirtschaftspolitische Linie einzuschwenken. Und zur Krönung: Der spanische Ministerpräsident Jose Luis Zapatero sei "vielleicht nicht sehr intelligent".

Der Elysee-Palast, der mit Stellungnahmen zu heiklen Themen stets knausert, dementierte umgehend und pauschal. Nach Einschätzung von "Libération" ließen sich die Medien von dem Dementi abspeisen, um ein unbequemes Thema fallenlassen zu können. Tatsache ist, dass die undiplomatisch anmutenden Äußerungen weder vom regierungsnahen "Le Figaro" noch von der renommierten Zeitung "Le Monde" aufgegriffen wurden.

Der Nachrichtenagentur AP bestätigten Sitzungsteilnehmer die Aussagen über Obama und Merkel. Mit dem Kommentar über Zapatero habe Sarkozy eigentlich die französischen Sozialisten ärgern wollen, hieß es. Denn deren Expräsidentschaftskandidat Lionel Jospin solle zwar sehr intelligent sein, so Sarkozy demnach in der Sitzung, habe aber trotzdem keine Wahl gewonnen.

Während Sarkozys Büro am Dementi festhält, bestätigte Außenminister Bernard Kouchner am Montag im Radio France Info den Zapatero-Lapsus. "Es sei ein Scherz gewesen", meinte er entschuldigend.

In Spanien ist der Witz nicht recht angekommen. Selbst konservative Medien in Madrid schäumen vor Wut. Die Zeitung "ABC" bescheinigt Sarkozy einen "Selbstüberschätzungskomplex" und macht sich über die "50 Zentimeter hohen Absätze" lustig, mit denen der Franzose seinen kleinen Wuchs kompensieren wolle. Der Staatsbesuch, zu dem Sarkozy am kommenden Montag nach Madrid aufbricht, erhält vor diesem Hintergrund eine pikante Note.

Aber auch in Frankreich selbst schlägt die Zapatero-Affäre hohe Wellen. Segolene Royale, Sarkozys sozialistische Gegnerin bei der letzten Präsidentschaftswahl, griff zur Feder und schrieb einen Brief an den spanischen Ministerpräsidenten, in dem sie sich im Namen Frankreichs für ihren Staatschef entschuldigte. Der Sprecher von Sarkozys Partei UMP, Frederic Lefebvre, attestierte ihr daraufhin, sie habe "psychologische Hilfe nötig". Sie gehöre offenbar zu den letzten Lesern der "Liberation". Die Zeitung, so ätzte der UMP-Sprecher weiter, gleiche mehr und mehr einem Flugblatt, das mit der Verbreitung falscher Tatsachen dem Ansehen des Landes schaden wolle.

Die deutsche Botschaft in Paris ist im vergangenen Jahr der Frage nachgegangen, ob Sarkozy tatsächlich die französischen Medien zu beeinflussen trachtet. Hinweise auf systematische Manipulationsversuche wurden nicht gefunden. Doch die Fälle von vorauseilendem Gehorsam der Presse häufen sich ebenso wie Wutanfälle Sarkozys, sollten dennoch unliebsame Artikel erscheinen.

"Liberation" will das nicht länger hinnehmen. Chefredakteur Laurent Joffrin forderte am Montag eine Entschuldigung des Elysee-Palastes für falsche Dementis und von UMP-Sprecher Lefebvre für die Beleidigung seines Blattes. Egal, wie der Streit auch ausgehen mag: Ein schlechter Beigeschmack wird bleiben. (Tobias Schmidt/AP)