Aus dem Nebenhalt der Literatur mitten hinein ins Herz der neuen Medienwelt: Autor Jürg Laederach.

Foto: Bauer/Ullstein

Das Porträt eines unangepassten Sprachstellers und Musikfanatikers.

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Linz/Basel - Der Schweizer Autor Jürg Laederach (63), in den 1980er-Jahren ein wahres Zugpferd des Frankfurter Suhrkamp-Verlages, ist ein begnadeter, weil aktiv ausübender Jazz-Fan. Wenn denn jemals die dunkel-modalen Improvisationslinien des Bop Eingang gefunden haben in die weiße, mitteleuropäische Literatur, dann in die Bücher des Baslers Laederach.

Romane wie das wahnwitzige Im Verlauf einer langen Erinnerung (1977) bilden lange assoziative Spekulationsketten. Ein wissenschaftlich versierter Kopf musiziert - im Medium der Sprache. Man kann sich buchstäblich auf jeder Seite aufs Neue überraschen lassen von Laederachs quecksilbrigem Geist - und wird doch nie zu einem Ende gelangen.

Der Saxofon- und Klarinettenbläser Laederach kommt, wie er selbst zugibt, aus der experimentellen Literatur; er war früh mit dem Grazer Autorenkreis assoziiert, und er übte zuverlässig Widerspruch in allen Lebenslagen. Den Suhrkamp Verlag verließ er in den 1990er-Jahren, weil ihm Peter Handkes serbisches Pontifikalgerede unerträglich geworden war.

"Für die Beweglichkeit"

Er nahm billigend in Kauf, dass sein umfangreicher Backkatalog auf Wühltischen verkam, und er publizierte zwischenzeitlich im Schweizer Kleinverlag von Urs Engeler. Laederach, vergangenes Wochenende im Rahmen des Poesiefestivals "Für die Beweglichkeit" zu Gast bei Linz09, ist kein Großsprecher. Er las auf Einladung von Christian Steinbacher aus seinen Prosaübersetzungen des französischen Meisterdenkers Maurice Blanchot (1907-2003): fünf meisterhafte Bände über die Mühsal des Erzählens, alle verlegt bei Engeler.

Laederach hat aber auch ein eigenes Buch veröffentlicht: Depeschen nach Mailland bildet den über fünf Jahre währenden Mailverkehr mit dem Schweizer Kollegen Michel Mettler ab - ein irrwitziges Sammelsurium spontaner Einlassungen, die um Mettlers Beiträge gekürzt wurden, um ungestört dem Sprachsteller Laederach bei der Arbeit zusehen zu können.

Was aber ebenso wichtig ist: Laederach ist in den Schoß von Suhrkamp zurückgekehrt. Wie es dazu kam? "Ganz einfach: Ich habe mich mit meinem Verleger Engeler verkracht! Daraufhin habe ich alle Möglichkeiten geprüft, und Suhrkamp war trotz allem wieder die beste."

Der Depeschen-Band ist ein Protokoll von Laederachs Musiksammelleidenschaft geworden: Minutiös verzeichnet der Dichter die Umschnitte seines voluminösen Jazz-und Klassik-Archivs auf Compact Disc. Die nachträgliche Digitalisierung von Kenny Wheeler oder Coleman Hawkins löst umfangreiche Reflexionen über Sammeltrieb und Genussfähigkeit aus. Es wird aber auch ausführlich über das Befinden der Hauskatze räsoniert. Die Schilderung eigener Unpässlichkeiten wirkt wie beiläufig untergebracht: Mondlichtserenaden bläst dieser Chronist tapfer auf einem verstimmten Horn.

Wenn Laederach auf dem Linzer Hauptplatz sitzt, blinzelt er zu den mächtigen Brückenkopfgebäuden vor der Nibelungenbrücke hinüber: Die Dachfirste könnten nicht verleugnen, dass sie unter nationalsozialistischer Verwaltung entstanden sind: "Aber diese Gebäude so zu belassen, drückt natürlich auch eine bewusste Entscheidung aus!"

Laederach schlüpft heute seitlich in den Literaturbetrieb hinein: "An Großprojekte glaube ich nicht mehr! Ich habe als Autor immer Gegenden und Ebenen vor mir, und die lagern einen Horror Vacui an. So kommt man ins Arbeiten. Aber die ,großen‘ Romane werden nicht mehr gelesen. Es gehört überhaupt zum Schwierigsten, herauszufinden, in welcher Gattung man die größtmögliche Wirkung erzielt. Wenn ich jahrelang an einem Projekt arbeite, beschleicht mich das Gefühl: ,Überall woanders passiert es - nur nicht hier bei mir!‘"

Fundstücke und Limericks

Der Mail-Schreiber Laederach erfindet im Augenblick - oder zitiert kurzerhand Fundstücke: "Dem rasenden Reporter Kisch wurde auf einem Presseball eine Spendenbüchse entgegengestreckt mit dem Schildchen: ,Für die Wiedereingliederung gefallener Mädchen‘. - ,Gebe nur Direktbeiträge‘, schnaufte Kisch."

Laederach begrüßt die mediale Aufrüstung: "Das Mail als Ausdrucksform wird Karriere machen, da besteht kein Zweifel. Viele Vertreter der bürgerlichen Innigkeit haben noch gar nicht begriffen, dass sie vom neuen Medium aufgefressen werden. Wenn Sie wissen," so Laederach weiter, "dass Ihre Geliebte Ihr Mail in 30 Sekunden in Händen hält, so ist das etwas anderes, als wenn ein Brief drei Tage braucht. Das heizt den Inhalt auf! Zugleich wird das Mail zur sozialen Obligation. Ich schätze auch das SMS. Nur leider ist die Sprache sehr restringiert: ,Heute Abend in Aladins Bar!‘ - So etwas schafft es in kein Buch. SMS verleiten zu Limericks: ,Fritzl isst sein Schnitzl‘ - Ernst Jandl wäre ein vergnügter SMS-Schreiber gewesen." (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 22.04.2009)