Full House im Aera

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Peter Eisendraht als Darth Vader hinter der Schattenwand: "Denn die Macht ist mit euch".

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Sebastian Loudon, Hans-Peter Feichtner, Alexander Zelmanovics, Harald Fidler und Poster Peter Eisendraht diskutierten über etat.at,-Postings.

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Hans-Peter Feichtner: "Wenn man nachts nicht mehr schlafen kann wegen Angst vor Postings, dann hat man als Agentur etwas falsch gemacht".

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Nikolaus Duffek versteht nicht, warum man anonym postet.

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"Sobald Postings untergriffig werden, muss ein Riegel vorgeschoben werden", so Zelmanovics.

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"Jeder User hat das Recht auf freie Meinungsäußerung".

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"Die Veranstaltung im Gasometer" zu machen wäre besser, meinte User "bruno kuenringg" in einem Posting zur Ankündigung der Adforum-Diksussion, "die Idee mit der Schattenwand ist der Knüller des Jahres". Da konnte er noch nicht wissen, dass Poster "Peter Eisendraht" nicht nur hinter einem Paravent Platz nimmt, sondern sich stimmlich auch als Darth Vader präsentiert. Und das war wohl der wahre Knüller des Jahres. Der Keller des Aera war restlos gefüllt, "die Hütte ist voll, das Thema hat offenbar den Nerv getroffen", wie Organisator und Wien Nord-Geschäftsführer Markus Mazuran meinte. Das Adforum lud zu Diskussion zum Thema "Wie garstig ist die Werbebranche - Postings auf etat.at", moderiert hat "Horizont"-Chefredakteur Sebastian Loudon, der - wie er sagt - von Postings auch schon seine Blessuren davongetragen hat.

15 Minuten pro Tag

Poster "Peter Eisendraht" nimmt sich pro Tag rund 15 Minuten Zeit für Postings, seine Kommentare sind nicht nur auf etat.at sondern ebenso im Bereich Autos, Essen, Trinken, Wissenschaft zu finden. "Ich habe immer versucht, witzig zu sein, nie persönlich untergriffig, manchmal garstig, aber im Rahmen. Ich greife niemanden persönlich an", so Eisendraht mit tiefer "Darth Vader"-Stimme. Dass jemand rote Stricherl verteilt, wenn zu einem neuen Job gratuliert wird, versteht er nicht, das "zeugt nicht von guten Benehmen."

Alexander Zelmanovics, Geschäftsführer Lowe GGK, hat sich für die Veranstaltung zwei Postings ausgesucht und zitiert als positives Beispiel einen Kommentar von "was sagst du zur krise bitte?", der da lautet: "Die Werbebranche ist nicht garstiger als zb die fußballbranche. jeder ist trainer, und im nachhinein wissen es alle besser. ein schicksal, das wohl alle berufsgruppen teilen, die sich massenmedial ernähren. wer mittels presseaussendung an etat.at auch noch - mit unschuldigem blick in den gewehrlauf - ballistisches feedback fordert, muss mit individuellen wahrheiten leben :-)"

Als negatives Beipiel sieht er einen Beitrag von Pick Nicker: "hätt mich schon fast gereizt. (Anm.: die Veranstaltung), aber mit dem xandl am podest hat sich diese veranstaltung selbst vom letzten funken anspruch befreit. da kann auch frau brause auf den billigen plätzen nichts mehr retten". Zelmanovics: "Konstruktive Kritik ist immer gut", aber wenn Menschen angegriffen werden, Leute angepisst werden, kann ich das nicht vertreten und dafür bin ich auch nicht zu haben". Er postet übrigens nur unter seinem richtigen Namen, wie er sagt.

"Neid muss man sich hart erarbeiten"

Zelmanovics versteht den Neid in der Branche nicht, und "etat.at gibt diesem Neid eine Plattform". Eisendraht dazu: "In der Werbebranche gibt es nicht mehr Neid als in anderen Branchen, außer vielleicht bei Wurstverkäufern, aber diese haben keine Plattform". Eisendraht weiter: "Neid muss man sich hart erarbeiten" und "Depperte gibt's überall".

Hans-Peter Feichtner, er kam vor sechs Jahres aus Deutschland zu Springer & Jacoby nach Wien, glaubt nicht, dass das "Garstige" ein typisch österreichisches Phänomen sei, "garstige Postings gibt's auch in Deutschland und auch in anderen Branchen". Untergriffige Postings werde es immer geben, solange anonym gepostet werden kann, so Feichtner. Aber man finde auch viele sehr kreative und interessante Postings, die Spaß machen und über die man sich freut.  

Fidler: Meldefunktion nutzen

"Die Anzahl der Postings zieht natürlich auch UserInnen an", so STANDARD- und etat.at-Redakteur Harald Fidler. "Wir bieten eine Plattform, wir sind medienrechtlich verantwortlich für Inhalte, die auf etat.at stehen". Dazu gehören auch die Postings. Fidler erwähnt hier Poster, die von "Extradienst"-Herausgeber Christian W. Mucha geklagt wurden, derStandard.at musste damals die IP-Adressen dieser User bekanngeben. "Ungefähr 30 Prozent der einlangenden Postings müssen von Redakteuren freigeschaltet werden, hier kann schon mal was durchrutschen". Harald Fidler appelliert, bei untergriffigen und beleidigenden Postings die Meldefunktion zu nutzen. Diese Postings werden dann von Redakteuren gelesen und von Fall zu Fall entschieden, ob dieses Postings gelöscht wird oder nicht.

Nikolaus Duffek, früher Marketingleiter von mobilkom austria, jetzt stellvertretender kaufmännischer Direktor des  Burgtheaters, relativiert aus Kundensicht: "Ich hab die Postings immer gelesen, interessiert, teilwiese amüsiert, ich wurde nie untergriffig behandelt". Er würde Postings nicht überschätzen, Postings haben aus seiner Sicht keinen Einfluss auf eine Kampagnengestaltung.

"Ich bin postingsüchtig"

Peter Eisendraht outet sich: "Ich bin postingsüchtig". Es mache einfach Spaß, Postings zu schreiben und zu lesen. Ist der Drang zum Outing da, will Feichtner von ihm wissen. Die Antwort: "Peter Eisendraht ist ein Selbstläufer, mir liegt weniger an Peter Eisendraht als offenbar anderen". Was er betreibt sei sozusagen ein "Soft Outing". Im Saal, so schätzt er, wissen rund 40 Prozent, wer er in Wirklichkeit ist. Sein Appell: "Scheißen wir uns alle nicht an, immer locker durch die Hose atmen".

Haben Postings wirklich Schaden angerichtet, will Sebastian Loudon wissen. Zelmanovics erzählt, dass ein Agentuchef einen Kunden empfohlen habe, etat.at zu lesen, die schlechten Postings zu einer Kampagne eines Mitbewerbers anzusehen um sich so selber in einem besseren Licht darzustellen. Es sei einfach die Tendenz da, anderen Agenturen gute Leistungen nicht zu gönnen und anzuerkennen. etat.at sei dabei, zu Lürzer's Archiv zu verkommen, meint Feichtner. Agenturen haben Angst vor Kritik, sie wollen dort nur noch Goldkampagnen präsentieren.

etat.at wolle nicht werten und Arbeiten kritisieren, so Fidler, "wir sind keine Experten, sondern Branchenbeobachter und lassen die Branche selber beurteilen". Wenn diese Bewertung negativ ausfalle, so sei das eine Spiegelung der Branche. Zelmanovics: "Es gibt Agenturen, die sich nicht in die Auslage stellen wollen und keine Aussendungen an etat.at schicken, das finde ich schade für die Plattform". Feichtner dazu: "Wenn man nachts nicht mehr schlafen kann wegen Angst vor Postings, dann hat man als Agentur etwas falsch gemacht". Und: man dürfe die Postings auch nicht überschätzen. "Aber sobald Postings untergriffig werden, muss ein Riegel vorgeschoben werden", so Zelmanovics. Fidlers Appell: "Meldefunktion der Postings nutzen, die Branche selber muss auch dafür sorgen, dass untergriffige Postings gemeldet werden, wir können nicht alles überwachen".

"Es ist doch nur Werbung"

"Wenn man Kritik einstecken muss, schluckt man am Anfang, aber man lernt, damit zu leben. Junge Werber kann das schon verletzen, aber "die Zeit heilt alle Wunden", so Zelmanovics. Auch Feichtner meint, dass erfahrene Werber die Postings ganz gut einschätzen und damit umgehen können, "auch deshalb weil man schnell merkt, dass alle Arbeiten ident behandelt werden". Aus dem Publikum will man wissen, ob jemand eine Agentur kennt, die etat.at wegen Postings nicht mehr beschickt. Antwort: Jung von Matt/Donau. Kann Zelmanovics das nachvollziehen? "Ich würde für mich nicht beschließen, etat.at nicht mehr zu beschicken".

"Es ist doch nur Werbung", relativiert Peter Eisendraht, die Verhältnismäßigkeit fehle, "wir erfinden ja kein Krebsmittel". Auch seine Arbeit wird kritisiert, "das hat mich auch verletzt, aber man bekommt eine dicke Haut". Und Kunden würden böse Postings (und eine Beschwerde beim Werberat) wollen, "kontroversiell disktutierte Kampagnen zeigen, dass du was richtig gemacht hast, viele schlechte Postings sind besser als gar keine Postings".

Thema der Diskussion war auch, wie mit Plagiatsvorwürfen in Postings umgegangen werden soll. Zelmanovics: "Ich glaube nicht, dass man in einem Forum von etat.at eine bessere Kreativinformation haben sollte, als z.B. Jurymitglieder des CCA". Die Chance, dass Plagiate Postern auffallen sei größer (weil mehr Leute) als innerhalb einer Jury mit acht Personen, so eine Meinung aus dem Publikum. Feichtner: "Es gibt ja auch auf etat.at die Möglichkeit, das Gegenteil zu beweisen, z.B. mit Links usw." Zelmanovics: "etat.at ist nicht die richtige Plattform, Plagiatsvorwürfe an den Mann zu bringen."

Frustrierte Kreative?

"Ist es nicht so, dass mehr als 50 Prozent der negativen Postings auf etat.at durchaus berechtig sind, weil mehr als 50 Prozent des Output der Werbebranche Kritik verträgt?" fragt eine Stimme aus dem Publikum. Viele Werber (und also auch Poster) seien frustriert, weil sie wissen, wie oft aus einer guten Idee ein schlechter Spot wird. Es könne auch sein,  dass "böse" Postings zu einer Kampagne auch aus der eigenen Agentur kommen.

Loudons Frage an Eisendraht: Ist Frust eine Antriebsfeder für untergriffige Postings? Eisendraht: "Ich glaube schon, es gibt überall Ideenkiller, bei den Kunden, innerhalb der Agentur. Nicht umsonst ist der Drogen- und Alkoholkonsum in der Branche so hoch. Deine Ideen sind deine Babies und diese Babies werden getötet, jeden Tag, von allen Seiten. Und auch von Postern auf etat.at. Du musst damit leben lernen, sonst gehst du unter". Seine Credo: "Alles nicht zu ernst zu nehmen. Es ist nur Werbung, und wenn einem das bewusst ist, dann kann man gute Werbung machen".

Für Duffek stellt sich am Ende der Diskussion die Frage, warum man überhaupt das Bedürfnis habe, anonym zu posten. Es gehe darum, andere Rollen, andere Persönlichkeiten einzunehmen, so Peter Eisendraht, "auch Schriftsteller entwickeln ein Alter Ego". Und "Bist im Internet ein Arschloch, bist auch privat ein Arschloch" wie er sagt. Eisendrahts Schlusswort und auch unseres hier: "Tu nichts unter deinem Nicknamen, was du nicht auch unter deinem echten Namen tun würdest". (ae)