Nicht zum ersten Mal gab es vor ein paar Wochen große Empörung, als Facebook seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen ändern wollte. Es bräuchte wahrscheinlich eine Heerschar von Anwälten, um zu klären, welche Relevanz die geplante Änderung tatsächlich gehabt hätte. Was jedenfalls rüber kam, war dies: Wer einmal ein Bild auf Facebook veröffentlicht, tritt für immer alle Rechte an dem Bild an den Betreiber ab.

Urheberrechtsklagen

Vermutlich ging es Facebook in erster Linie darum, sich künftig vor Urheberrechtsklagen von Ex-Usern zu schützen, weil deren Bilder nach dem "Austritt" aus Facebook nicht oder nicht restlos gelöscht wurden. Man kann auch Verschwörungstheorien folgen, wonach Facebook - das derzeit keine Gebühren verlangt, bescheidene Werbeerträge hat und noch nicht plausibel darstellen konnte, wie es sich eines Tages finanzieren will - aus der Veröffentlichung der Bilder seiner User Mörderkohle schlagen wollte. Wahrscheinlich haben 99,999 Prozent aller User, die bei ihrer Erstanmeldung den vorigen Geschäftsbedingungen zugestimmt haben, diese weder gelesen noch sonst gewusst, welche Rechte sie da Facebook in einer Art faustischen Pakt übertrugen.

Der Aufschrei war groß

Aber egal, der Aufschrei in der Blogosphäre war groß, vielleicht auch berechtigt, "Mainstream-Medien" (auch diese Zeitung) berichteten über die Empörung von Facebook- Usern, als ob die Chinesen den Tiananmen-Platz zum 20. Jahrestag des Massakers gesperrt hätten, und Facebook-Präsident Mark Zuckerberg entschuldigte sich schließlich und zog die neuen Geschäftsbedingungen wieder zurück. Facebook hat daraus gelernt: Als vor ein paar Wochen das Layout der Startseite des Netzwerkes verändert wurde, gingen dem langatmige Ankündigungen und die Einladung zu einem "Rundgang" durch das künftige Layout voraus. Abertausende gaben auch ihren Senf dazu. Motto: nur den User nicht verärgern, obwohl jeder der 400+ Millionen registrierten Benutzer (davon 500.000 derzeit in Österreich) irgendwann einmal zum ersten Mal auf Facebook stieß und die damalige Startseite so hinnahm, wie sie eben war.

Sakrosankt

Jetzt jedenfalls scheinen Änderungen sakrosankt zu sein, und Mark Zuckerberg muss den Spruch erfahren, es allen Leuten recht gemacht zu haben - und so weiter, der Rest lässt sich googeln. Aber man kann den Anschein wahren, es allen Leuten recht zu machen, und das scheint jetzt die Facebook-Devise zu sein. In diesen Tagen können Benutzer über eine Art "Verfassung" abstimmen, und Facebook hat versprochen, das Votum akzeptieren zu wollen, wenn sich wenigstens 30 Prozent der User beteiligen (klingt wie die Suche nach einer EU-Verfassung).

Zuerst wird verschenkt

Diese Entwicklung scheint die Kehrseite der Gratiswelt des Internet: Zuerst wird was verschenkt, dann bei jeder Gelegenheit gesudert. Kolportiert wird eine Aussage Zuckerbergs, dass man Benutzer nicht fragen könne, wenn man in einem Geschäft tätig ist, das Dinge hervorbringt, die es vorher noch nicht gegeben hat. Der Mann hat recht: Facebook ist ein Produkt, ein Service, und sollte nicht mit einem Land verwechselt werden, nicht einmal mit Alice in Wonderland. Lieber Mark Zuckerberg: Stehen Sie zu Ihren Ideen! Wenn Sie uns gefallen, bleiben wir Ihnen gerne treu. Ansonsten ist die Alternative immer nur einen Mausklick entfernt.(Helmut Spudich/DER Standard, 23.4.2009)