Ist es nicht erstaunlich, dass die gesellschaftlich wichtigste Funktion und Möglichkeit von Geld übersehen wird? Mag das für Zeiten wirtschaftlicher Prosperität und aus der beschränkten Sicht von Konsumenten verständlich sein, so unverständlich ist es in Krisen und aus umfassenderer Wahrnehmung von Zusammenhängen.

Der wesentlichste Zusammenhang besteht in menschlichen Gesellschaften objektiv - das heißt von Wollen und Wissen unabhängig - darin: Menschen haben Bedürfnisse, solange sie leben. Bis auf Hilfsbedürftige haben sie auch Arbeitsvermögen, um verfügbar zu machen, was Bedürfnisse zu stillen vermag.

Symbol für ein Versprechen

Doch durch das Unverständnis von Geldfunktion und -möglichkeit wird jener zentrale anthropologische Zusammenhang zum Schaden von Milliarden Menschen getrennt. Menschen, die ungestillte Bedürfnisse haben, wird gesagt: "Wir haben kein Geld, um Eure Bedürfnisse zu stillen." Als ob Geld Bedürfnisse unmittelbar stillen könnte. Denselben Menschen, die doch über Arbeitsvermögen verfügen, wird gesagt: "Wir haben kein Geld, um Euch zu beschäftigen." Wie wenn nur Geld sinnvolle Arbeit erlaubte.

Die außer Acht gelassene wichtigste Funktion von Geld und zugleich seine hervorragende Möglichkeit beruhen darauf: So lange Menschen Anlass haben zu glauben, für Geld die erforderlichen Mittel des Lebens zu erhalten, sind sie auch bereit, für den Empfang von Geld solche Mittel zu erarbeiten. Denn Geld ist zu verstehen als Symbol für das Versprechen, gegen dieses Geld Leistungen - also Güter und Dienste - zu liefern. Es ist andererseits Symbol für den entsprechenden Anspruch.

Mit Hilfe von Geld sollten und könnten Versprechen und Anspruch aneinander angeglichen werden, sofern der Zweck des Einsatzes von Geld das Mittel ist, den Zusammenhang von Bedarf und Arbeitsvermögen zu sichern. Doch Mittel und Zweck werden vertauscht, mit der Folge, dass weder existentielle Bedürfnisse gestillt noch vorhandenes Arbeitsvermögen genutzt wird. Ohne Geld, so wird weithin geglaubt, lasse sich nicht arbeiten, und ohne Geld könnten Bedürfnisse nicht gestillt werden. Es herrscht der Glaube vor, allein Geld vermöchte etwas, obwohl Geld an sich gar nichts kann oder tut. In Wahrheit können nur Menschen etwas tun oder unterlassen, indem sie ihr Verhalten nach ihrem Verständnis von Geld ausrichten. Der Glaube an Geld ist eine Art von Religion, ist "Moneyismus". 

Prozesse erlahmen

Wird Geld als Mittel gesehen und dementsprechend die Wirtschaft - also arbeitsteilige Produktion und Distribution sowie Konsumtion von Leistungen - organisiert, erhält Geld seinen Wert durch die Ergebnisse der aufeinander bezogenen Prozesse. Wird dagegen Geld als Zweck und Voraussetzung aller Anstrengungen gesehen, erlahmen die Prozesse. Die Folgen sind vielfältig und kumulieren in Not.

Generell resultieren im Fall zu geringer Geldverfügbarkeit Kollapse von kleinen und großen Arbeitssystemen, im Fall zu großer Verfügbarkeit Defizite an entsprechenden Leistungen. Deflation ist die Bezeichnung für den ersten Fall, Inflation für den zweiten.

Die relativ beste Wirtschaftspolitik ist - auch in Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrisen! -, einen Ausgleich von Bedarf, Leistungsverfügbarkeit und Geld anzustreben. Das gilt grundsätzlich nicht nur auf der Makroebene von Gesellschaften - national wie global , sondern auch auf der Mesoebene der Unternehmen und der Mikroebene der privaten Haushalte.

Global zeigt die Hunger leidende Milliarde der sieben Milliarden Menschen auf der Erde das Negieren des beschriebenen Zusammenhangs. Doch auf Betriebsebene Geld als Investition zur Erarbeitung von benötigten Mitteln des Lebens einzusetzen, also effiziente Arbeitssysteme zu organisieren, versteht Geld als Instrument. Als Beispiel für vordergründiges Denken können dagegen Politik und Einstellungen gegenüber Asylanten gelten: Ihnen wenig Geld zu unbefriedigendem Leben, doch mehr für ihre "Verwaltung" auszugeben. Zugleich ideologisch und gesetzlich zu verhindern, dass sie mit ihrem Arbeitsvermögen dazu beitragen, den Wert des Geldes zu erhalten, macht sie zu ungewollten Schmarotzern.

Freilich geht es bei Beteiligung an sinnvoller Arbeit keineswegs - wie moneyistisch geirrt wird - nur um Geld. Sinnvolle Arbeitsbeteiligung erlaubt, anthropologische Bedürfnisse jenseits der Geldfixierung zu stillen, nämlich Bedürfnisse nach sozialer Einbindung, gegenseitiger Wertschätzung, individueller und kollektiver Identität, Lebensmut und Lebensfreude.

"Recht auf Arbeit" als "Recht auf Einkommen"

Auch in der vorherrschenden Sicht auf Arbeit werden Mittel und Zweck vertauscht, indem Arbeit reduziert nur als Erwerbsarbeit verstanden wird: An Arbeit interessiert primär das Einkommen, nicht jedoch die Erstellung von Leistungen. Dementsprechend bezieht sich beispielsweise der Kampf um "Arbeitsplätze" und das "Schaffen von Arbeit" nur vorgeblich auf Arbeit, in Wahrheit auf Einkommen. Das "Recht auf Arbeit" meint für abhängig Beschäftigte nichts anderes als das Recht auf Einkommen. Denn dass es nicht wirklich um Arbeit geht, lässt leicht der weitverbreitete Wunsch erkennen, dem Arbeitsplatz rasch zu entkommen - in den "Feierabend", das "wohlverdiente Wochenende", den "Urlaub", in "Frühpension" oder in "Rente". Erkennbar ist daran Arbeitsunlust oder - wie man früher sagte - Entfremdung von der Arbeit.

Würden Funktion und Möglichkeit von Geld, würde der Zusammenhang von Bedarf an Mitteln des Lebens und Arbeitsvermögen wirklich verstanden, würde öffentliche Wirtschaftspolitik als "Arbeitsmarktpolitik" sich nicht auf den Arbeitsmarkt - der ist ja nur eine Vorstufe des Arbeitssystems - und dessen Alimentierung konzentrieren, sondern unmittelbar auf die erforderlichen Arbeitsprozesse, um durch entsprechende Arbeitspolitik Arbeit in befriedigendes Leben zu integrieren. - Dies unter Berücksichtigung der früher unvorstellbaren Produktivitätssteigerungen in Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistung anzustreben, verhindert autistischer Moneyismus. (derStandard.at, 24.4.2009)