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Reden oder schweigen?

Foto: Reuters

Am vergangenen Wochenende kam es in meinem Fitnessstudio zu einer gröberen Auseinandersetzung zwischen Saunaschweigern und Saunaschwätzern. Die Saunaschwätzer - sie kannten einander offenbar von früher - richteten gemeinsam ihre Mittelschullehrer aus.

Der Geschichteprofessor hatte einen S-Fehler ("Dreiffigjähriger Krieg"), die Matheprofessorin neigte dem Alkohol zu. Als sie sich beim Aufguss gerade den Bioprofessor vorknöpften, platzte einem der Schweiger, der schon länger nervös an seinem Penis gezwirbelt hatte, der Kragen, und er forderte lautstark Ruhe ein. Sogleich zog ein zwischenmenschlicher Frosthauch durch die Dampfschwaden und es entspann sich eine recht unerquickliche Debatte, die überdies ohne konkretes Ergebnis zu Ende ging.

Das alles war freilich nichts gegen eine Saunakrise, die ich vor Jahrzehnten erlebt habe. Was damals (1987) geschah: In der Herrensauna im Städtischen Bad in Döbling zog ein stark behaarter Saunagast mit mutmaßlich türkischem Migrationshintergrund unvermutet eine Rasierklinge aus einem Reisenecessaire, das er heimlich mit in die Saunakammer gebracht hatte. Ehe es sich die anderen Saunagäste versahen, begann er, sich mit affenartiger Geschwindigkeit die Brusthaare abzuschaben. So landete binnen kürzester Zeit manch pechkohlrabenschwarze Brustborste auf Saunaboden und -bänken.

Erst gab es eine längere Schrecksekunde. Dann folgten ("No he, des ged owa ned" , "Des damma do ned" ) ein paar sehr energische Ordnungsrufe. Als sich der Schwarzhaarige nicht beeindrucken ließ und seine Rasur unter lauten Schabgeräuschen fortsetzte, gerieten die Saunisten derart in Rage, dass die anschließende Auseinandersetzung mehrfach hart an der Backpfeifengrenze entlangschrammte.

Zum Glück ist der Brustschaber eine eher seltene Erscheinung, der Saunaschwätzer allerdings eine umso häufigere. Ja, Saunaschwätzer - ihr Motto: "Tür zu, Mund auf" - sind wohl so weit verbreitet wie die Sauna selbst. Ihrer Redseligkeit Einhalt zu gebieten ist meist schwierig.

Effektiv helfen würde nur eine an jede Saunawand anzubringende, im Bedarfsfall zu benützende Glocke in Kombination mit dem güldenen Satz, mit dem einst Nationalratspräsident Anton Benya die allzu gesprächigen Parlamentarier im Plenum zum Schweigen brachte: "Jetzt hoids endlich die Goschn do unten." (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.04.2009)