Foto: DER STANDARD

Nach 1989, seit der Öffnung des Ostens, habe Wien eine städtebauliche Chance gehabt und nur ungenügend genutzt. Denn "Ringstraße ist überall", schreibt Christian Kühn, "auch dort, wo die Stadt ihre Zukunft noch vor sich hätte, wird sie inzwischen von den Bildern der Vergangenheit infiziert." Der Architekturkritiker und TU-Wien-Professor Kühn hat das Baugeschehen seit damals begleitet und kommentiert. Letztes Jahr sind seine in der Presse veröffentlichten Texte als Sammelband erschienen. In umgekehrter chronologischer Reihenfolge lässt sich in Ringstraße ist überall nachlesen, was von 1992 bis 2007 in Wien und anderswo geplant, gebaut, ausgestellt, verworfen, verbessert oder verunstaltet wurde. Kühn bezeichnet das von Erwin K. Bauer und Manuel Radde gestaltete Buch als "kondensierte Tageszeitung". In der Tat spielen Überschriften, Bildunterschriften und Erscheinungsdaten eine grafisch auffallende Rolle.

Die Fotos - von Fachprofis wie Spiluttini oder dem Autor selbst, aber auch mal mit Selbstauslöser gemacht - sind vergleichsweise zurückhaltend eingesetzt und in architekturklassischem Schwarz-Weiß. Überhaupt beschränkt sich Ringstraße ist überall auf Schwarz-Weiß - und das Hellbraungraue des Kartons, der Vorder- und Rückseite verstärkt. Wir sind diesem Gestaltungselement schon in einem anderen preisgekrönten Buch aus dem Springer-Verlag begegnet (Finks Erotone Leibesübung) und werden noch einmal Gelegenheit dazu haben. Dem vorliegenden Werk hat die vom Hauptverband des österreichischen Buchhandels eingesetzte Jury sogar einen der dreiStaatspreise für die schönsten Bücher des Jahres zugesprochen. Insbesondere lobte sie die "Typostilelemente der Sechzigerjahre, gesehen mit den Augen der Jetztzeit". Dem ist nur begrenzt zuzustimmen, vielleicht in dem Sinn, dass Pionierleistungen von Willi Fleckhaus (twen) oder George Lois (Esquire) bis heute nachwirken. Ansonsten aber ist jenes Jahrzehnt bei einem Sammelband der letzten 15 Jahre nicht gerade am Platz und in der Tat auch nicht besonders präsent. Vielmehr lebt das Buch inhaltlich und grafisch durchaus durch die und in der Gegenwart. (Michael Freund, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.04.2009)