Die Zeit des reinen, übermäßigen Gewinnstrebens ist eindeutig abgelaufen", ist Kurt Rothleitner, Student der Bank- und Finanzwirtschaft an der FH des bfi Wien im achten Semester, überzeugt und klingt dabei keineswegs resigniert. Pleiten, Verstaatlichungen, Auffangschirme aus Steuergeld, die Anprangerung des Berufsstandes: recht widrige Umstände, um ausgerechnet Banker zu werden. "Aber auch eine Gelegenheit, momentane Bewertungsmethoden zu hinterfragen und Veränderungen mitzugestalten", sagt Rothleitner.

Veränderungen? "Verstehen, welch zentrale Rolle eine Bank innerhalb des Wirtschaftssystems einnimmt, und diese verantwortungsbewusst und langfristig sichern", erklärt er eine Art Rückbesinnung des Bankwesens für notwendig. Gerade in der gesamtwirtschaftlichen Bedeutung bestehe für ihn die Faszination des Sektors, dessen Zukunft er auch kurzfristig optimistisch sieht: "Die Finanzwirtschaft hat sich in einem Jahr wieder erholt."
Traditionelle Geschäfte

Der Bedarf an Finanzfachkräften habe sich jüngst nicht erübrigt, sondern sich weg vom gebeutelten Treasury hin zum traditionellen Bankengeschäft des Einlagenmanagements und der Kreditvergabe bewegt, sieht auch Richard Pircher nicht schwarz für die Absolventen. "Gesucht werden Experten für Risikomanagement und regulatorische Bestimmungen, die auf dem neuesten Wissensstand sind", sagt der Studiengangsleiter für Bank- und Finanzwirtschaft. Auf diese Themen wurde der Ausbildungsschwerpunkt schon vor der Krise gelegt; aktuelle Erfahrungen werden kritisch reflektiert, man sieht sich gut gerüstet.

"Ich denke schon, dass diese Krise unsere Generation prägt. Vielleicht sind wir vorsichtiger, selbst wenn wieder eine kurzfristige Gewinnmaximierung lockt", sagt Christian Brunner, der eben seine Diplomarbeit über Immobilienbewertung an der FH Wien abgegeben hat. Kollegen, die es sich auf den dunklen Lounge-Möbeln der Aula bequem gemacht haben, bestätigen: "Die Krise ist überall" - in den Medien, in den Powerpoint-Präsentationen der Lektoren, in den getrübten Jobaussichten - "doch sie ist irgendwie diffus".

Logistikstudenten der FH des bfi Wien besuchten eine hochkarätige Podiumsdiskussion zur Talfahrt der europäischen Wirtschaft, um mehr Durchblick zu erlangen. Etwaige befreundete Volkswirte werden angezapft: Wie schlimm ist es wirklich? Was, wenn wir keinen Job bekommen? Was wird, was muss sich ändern?

Ein radikaler Systemwechsel wie der mögliche Niedergang des Kapitalismus kommt dabei nicht zur Sprache. Quer durch die Spezialisierungen herrscht Konsens darüber, dass die Anforderungen höher und weit über reines Fachwissen hinausreichen werden. Mario Gratzenberger, Student am Studiengang "Exportorientiertes Management" an der FH Krems, ist sich sicher: "Langfristiges Denken und vorbildhaftes, ethisches Führen wird von uns Absolventen eingefordert werden."
Vordenker fördern

Zu vieles sei generell falsch gelaufen, nicht nur in der entkoppelten Finanzwirtschaft, sind sich die Studenten einig. Der Fokus auf den Shareholder und die kurzfristige Gewinnoptimierung zum Beispiel. Das Risiko sei unterschätzt, der Wertzuwachs als grenzenlos überschätzt worden. Auf das Nachdenken müsse das Vordenken folgen.

Christian Brunner, der bereits als Sachverständiger berufstätig ist, setzt auf eine möglichst ganzheitliche Betrachtungsweise: "Bei einer Immobilienbewertung etwa muss ich mich mit allen Einflussfaktoren auseinandersetzen - mit der Immobilie an sich, ihrem Umfeld, ihren Vermietern und Mietern, ihrer Energieeffizienz und auch ihren langfristigen Nutzungsmöglichkeiten."

"Nachwuchsmanager müssen gerade jetzt für nachhaltiges Wirtschaften sensibilisiert werden", sagt Karl Ennsfellner, Vizerektor der Fachhochschule Krems. Die Ausbildung könne zwar nicht verhindern, dass sich alles wiederholt. Dass die Gier sofort wieder Blut lecke, wenn sie schnelle Gewinne wittert, müsse uns aber bewusst bleiben; mehr denn je gelte es, kritische Kompetenz zu vermitteln. Durch Fallstudien und Simulationen wird zunehmend vernetztes, vorausschauendes Denken gefördert. Schlagworte wie Corporate Social Responsibility, also Nachhaltigkeit in allen Bereichen des wirtschaftlichen Treibens, können nur unter der Voraussetzung, die längerfristigen Auswirkungen kurzfristiger Entscheidungen mit zu bedenken, umgesetzt werden.

Für Otto Bammer, Studiengangsleiter für Immobilienwirtschaft an der FH Wien, gewinnen auch die Identifikation mit der Branche und die Persönlichkeitsbildung der Studenten an Bedeutung. Zu wissen, wie man mit Stress umgeht, wodurch man motiviert wird und wie man selbst führt, sei unerlässlich für verantwortungsbewusstes Management.

"Uns stehen dank der praxisnahen Ausbildung alle beruflichen Möglichkeiten offen", ist Mario Gratzenberger zuversichtlich, und auch unter seinen Kollegen überwiege vorsichtiger Optimismus. Er betont, dass gerade jetzt Innovationen umgesetzt werden könnten, gibt aber zu, dass es schwieriger als vor einem Jahr sei, die Gelegenheit dazu zu bekommen. Unternehmen verhängen Aufnahmestopps, frieren Trainee-Programme ein und knausern mit Sommerpraktika.

Ein Masterstudium erscheint einigen Studenten nun als sinnvolle Alternative zum sofortigen Berufseinstieg. An der FH Krems rechnet man zudem auch mit mehr Bewerbern, die ursprünglich gar nicht an ein Studium gedacht haben, ihre späteren Berufschancen nun, während der Krise, aber durch ein Bakkalaureat verbessern wollen. "Eine fundierte, spezialisierte akademische Ausbildung gewinnt durch die Krisenerfahrung sogar noch an Wert", wirbt auch Bammer für mehr Bildung. (Martina Bachler/DER STANDARD-Printausgabe, 25./26. April 2009)