"Wo sind die verschwundenen fünf Millionen Wählerinnen und Wähler?", fragte die iranische Zeitung Etemad Melli am Wochenende und wagte sogar die Spekulation, dass sie dazu dienen könnten, sowohl die Wahlbeteiligungsstatistik als auch das Wahlergebnis bei den Präsidentschaftswahlen am 12. Juni zu frisieren. Es gibt nämlich eine unerklärliche Diskrepanz zwischen den Angaben des Innenministeriums zu den Wahlberechtigten - 46 Millionen - und der neuesten Volkszählung, laut der 51 Millionen Iranerinnen und Iraner über 18 Jahre und damit wahlberechtigt sind.

Die Abweichungen verursachen Spekulationen und Unruhe. Das Innenministerium beharrt auf seinen Zahlen. Wobei jedoch auch bei vergangenen Wahlen bereits über die Zahlen von Wahlberechtigten und Wählern gestritten wurde.

Vor den Wahlen will die Regierung auch noch schnell das - erst vor einem Jahr auf 18 angehobene - Wahlalter wieder auf 15 Jahre herabsetzen. Die Gesetzesvorlage dazu muss jedoch noch durchs Parlament und könnte dort auf Widerstand stoßen. Immer mehr konservative Abgeordnete wechseln die Fronten und schlagen sich auf die Seite Mir Hossein Moussavis, des Herausforderers von Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad. Unter ihnen sind auch einflussreiche Politiker, wie der Bruder des früheren Parlamentspräsidenten Ali Akbar Nategh Nuri, der seit vier Legislaturperioden im Parlament sitzt.

Moussavi wird auch von einem großen Teil der liberalen Parteien unterstützt. Im Gegensatz zu früheren Präsidentenwahlen ist bisher im staatlichen Radio und Fernsehen nichts über den Wahlkampf zu hören. Dafür werden umso mehr Berichte über die Provinzreisen des Präsidenten gesendet. Auch sein Auftritt in Genf wurde entsprechend gewürdigt - bei gleichzeitiger Kritik nicht nur von Liberalen, sondern auch im konservativen Lager.

Moussavi in Teheran vorn

Der Wahlausgang am 12. Juni ist völlig offen. Während unabhängige Umfragen einen Vorsprung Moussavis um 14 Prozent in Großstädten voraussagen, sind keine zuverlässigen Angaben über die Provinz vorhanden. Bei allen Umfragen wird aber deutlich, dass die Beliebtheit Moussavis im Steigen begriffen ist, vor allem bei Jugendlichen und Frauen. In Teheran wollen laut neuesten Befragungen 46 Prozent Moussavi wählen, während 32 Prozent Ahmadi-Nejad weiter im Amt sehen wollen.

Andere Kandidaten haben laut Umfragen keine Chance, den zweiten Wahlgang zu erreichen. Alle sagen einen zweiten Wahlgang voraus, der nötig ist, falls in der ersten Runde kein Kandidat die absolute Mehrheit erreicht. Bisher wurde noch jeder iranische Präsident für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. (Amir Loghmany aus Teheran/DER STANDARD, Printausgabe, 27.4.2009)