Schloss Neuhaus, Tschechiens drittgrößtes Baudenkmal und stilvolle TV-Show-Küche.

Foto: Czech Tourism

Ost und West rücken zusammen, oder, wie es im Fall Tschechiens und Österreichs eigentlich heißen sollte: Norden und Süden. Der aktuellen Event-Kultur entsprechend, haben die Grenzregionen der beiden Länder für 2009 erstmals eine grenzüberschreitende Landesausstellung verwirklicht, die vor wenigen Tagen an den drei Veranstaltungsorten Horn, Raabs und Telc eröffnet wurde. Wer es in den letzten 20 Jahren seit dem Fall des Eisernen Vorhangs tatsächlich nicht geschafft hat, dem ehemals sozialistischen Nachbarland einen Besuch abzustatten, kann dies nun nachholen - und wird feststellen, dass Tschechien nicht nur länderkundlich und kulturhistorisch Interessierten einiges zu bieten hat.

Die Jahreszeit bringt es mit sich, dass eine Fahrt in die benachbarte Region Vysocina gesäumt ist von sprießenden bis blühenden Rapsfeldern. Felder, die so groß sind, dass sie bis an den hügeligen Horizont reichen, sind in dieser Region keine Seltenheit. Als Nebeneffekt der Enteignung der Bauern unter sozialistischer Herrschaft haben sich die Felder in ihrer Größe bis heute erhalten.

Mit der Niederösterreichischen Landesausstellung als Ziel führt der Weg nach Tschechien über die drei Stationen der Ausstellung bis nach Telc. Die Schau präsentiert die geschichtlichen und kulturellen Verzahnungen der Grenzregionen Waldviertel und Vysocina, wobei Auseinandersetzungen um die oft konfliktreiche Grenzgeschichte eine recht begradigte Darstellung in Form knapper Info-Texte erfuhren.

Als inhaltliche Orientierung dient vor allem die Ortsverteilung: In Horn wird die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts gezeigt, deren Bogen von der Habsburgermonarchie über den Eisernen Vorhang bis zur EU-Mitgliedschaft reicht. Die Grenzstadt Raabs wiederum setzt sich mit den "Grenzen" der Region auseinander, seien sie geografisch oder "in den Köpfen", womit sich eine Anspielung auf die großen konkurrierenden Ideologien des 20. Jahrhunderts findet.

Randnotiz zum Haydn-Jahr

Nicht einmal 50 Kilometer weiter erreicht man schließlich den tschechischen Standort Telc: Sein Schwerpunkt liegt auf den kulturellen und künstlerischen Verbindungen der Grenzregionen. Komponisten wie Gustav Mahler, Joseph Haydn oder auch der Designer Josef Hoffmann haben mit ihrer Vita Eingang in die Ausstellung gefunden. In Telc ist die Schau zudem wirkungsvoll in die Architekturgeschichte der von der Unesco geschützten Altstadt eingebunden: Die Exponate sind im Renaissanceschloss von Telc untergebracht - eine Sehenswürdigkeit für sich. Eine eigene Ausstellung widmet sich zudem der Renaissanceentwicklung in diesem Landstrich. Alle Standorte sind mit einem Shuttlebus verbunden, der von Donnerstag bis Sonntag in Betrieb ist.

Mobile genießen freilich den Vorteil, für diverse Abstecher in die Region gewappnet zu sein. Attraktiv und unkompliziert ist zum Beispiel ein Besuch im 40 Kilometer entfernten Neuhaus (Jindrichuv Hradec) mit seiner riesigen Burg- und Schlossanlage, deren älteste Bauelemente bereits aus dem Jahr 1220 stammen. Die unzähligen Schlösser und Burgen sind es ja, die als die wahren Schmuckkästchen Tschechiens gelten - in keinem anderen Land der Welt gibt es so viele verschiedene Zeugnisse feudaler Herrschafts- und Wohnverhältnisse.

Als Rarität hat es die besonders gut erhaltene mittelalterliche "Rauchkuchl" der Schlossanlage Neuhaus aber ganz selbstbewusst in die Jetztzeit geschafft. Sie diente vor kurzem als Studioküche für eine tschechische Kochsendung zu historischen Gerichten der Region. Der Ort Neuhaus selbst besticht durch einen malerischen Hauptplatz, an dem natürlich auch kulinarische Bedürfnisse gestillt werden. Das Restaurant Zur Goldenen Gans (Hotel Concertino) setzt auf die deftige, böhmische Küche: Hier wird etwa der Svícková s knedlíkem, ein Lendenbraten mit Semmelknödel, auf gehobenem aber preiswertem Niveau serviert.

Demjenigen, der von Prunk und Historie genug hat, bietet sich als Alternative ein Ausflug in die rauschenden Wälder rund um die Stadt Pocátky an, die etwa 25 Kilometer von Telc entfernt ist. Hier liegt auch das Resort Svatá Katerina, in das zu sozialistischen Zeiten asthmakranke Kinder auf Kur geschickt wurden. Den schulischen Charme hat die Anlage mit Gesundheits- und Sportangeboten trotz umfangreicher Renovierung nicht verloren, wenngleich Zimmer und Essen von ausgesprochen gutem Geschmack zeugen. Die Heilquelle frequentierten jedenfalls die unmittelbaren Nachbarn von Schloss Neuhaus schon seit dem 16. Jahrhundert. (Ina Freudenschuß/DER STANDARD/Printausgabe/25./26.4.2009)