Faust hat einen Sohn: Raphael (Tilman Meyn, li.) lauscht den Managern. Faust: Andreas Manz (2. v. li.).

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Die Neuschöpfung der Unternehmerfigur Faust, wie sie der glanzvolle Wiener Intellektuelle Robert Menasse in seiner Eigenschaft als Theaterautor ins Auge fasst, ist ein Fall für die Chirurgie. Drei grün vermummte Theater-Geburtshelfer heben im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt ein unmögliches Wesen aus der Taufe.
Eine Art Vorspiel: Der neue Faust, den sie unter Abdeckplanen herstellen, besitzt eine "Brust aus Titan". Seine Seele? Ein Schlauch, befüllt mit "brennbarem Gas" . Faust, der Deutschen liebstes Selbst, ist nichts Besseres als ein Fußball: Auch dessen synthetisches Inneres nennt man schließlich die "Seele".

Man muss die Faust-Gestalt daher mächtig aufpumpen, ehe man sie in ein Theaterspiel wirft. Die Ärzteschaft belobigt sich mit Sekt für ihren Fund. Ab jetzt kehrt Goethes Faust in Menasses Paraphrase als Bruder Manager wieder. Der hackt in einer Einbauküche die "Seelen" seiner Lohnabhängigen wie Zwiebel klein. Er besitzt als Kapitalertragsgenie eine Art allwissendes Bewusstsein. Er erklärt andauernd, was ein Stück - das nicht halb so klug wäre wie dieser theatralische Proto-Essay! - eigentlich zu zeigen hätte. Es gehört zu den glücklicheren Pointen von Doktor Hoechst - Ein Faust-Spiel, dass Menasse seine stupende Intelligenz in den Dienst einer von ihm eigentlich gehassten Denk-Figur stellt.

Faust alias Doktor Hoechst, in Darmstadt von Andreas Manz als Weißwein süffelnder Edelpatriarch mit sanfter Heinz-Erhardt-Komik veredelt, verkörpert recht bravourös alle Schlechtigkeit der Welt. Er macht ungehindert Geschäfte und unterdrückt seine Mitmenschen nach Art eines diesseitigen Gottes. Er hat mit Gretchen - "Gräten" - einen Sohn namens Raphael (Tilman Meyn) gezeugt, der folgenlos Philosophie studiert und sein Leben verplempert.

Unser aller Wohllebensspeck

Diesem Raphael bleibt es vorbehalten, sich als sensibler Lebensentscheidungsschwächling zu profilieren. Ein feiner Schauspieler wirft sich mit ein bisschen Wohllebensspeck tadellos in Positur. Immerzu hofft man: Faust ist geboren. Jetzt begänne die Zeit, wo die Darmstädter Darsteller Manz und Meyn endlich damit anfangen könnten, Theater zu spielen. Man riefe gern zum südhessischen Augenblick: "Verweile doch ...!" Dieser Moment tritt nur nie ein. Menasse hat die Geburt seines Faust-Textes mit der vorsorglichen Unterdrückung fantasievoller Spielangebote kostspielig erkauft.

Denn Doktor Hoechst handelt nicht - er schwadroniert unablässig. Ein idealistisches Missverständnis besagt, dass die mit Prämien gestärkten Totengräber der Weltwirtschaft sich wie unsere besten Essayisten gebärden würden. Sie werfen, anstatt eine Firmenübernahme still und konzentriert vorzubereiten, einem "Gott" , an den sie nicht mehr glauben, ultimativ den Fehdehandschuh hin.

Sie leugnen völlig folgerichtig die Existenz des Teufels. Sie schließen im präkoitalen Geplauder mit der Herzallerliebsten (Karin Klein als "Gräten") eine Wette ab. In dieser wird das Privileg des Augenblicksgenusses ("Verweile doch ...") gegen die Proklamation des ungebremsten Wachstums eingetauscht.

Alles muss mehr werden: die Stammzellen, die eine Art von Unsterblichkeit garantieren. Das Geld, dessen trostlose Zahlenkolonnen irgendwann über Stefan Heynes kohlenschwarzen Bühnenbunker rattern. Herr Faust, Pardon: Hoechst, wird mit dem Konzipientenköfferchen nach Auschwitz geschickt, nach Nagasaki, nach Santiago de Chile. Er sollte eigentlich Geschäfte tätigen. Er ist aber ein verkappter Idealist; daher wird er, sofern er nur selber stille schweigt, mit Prosa überschüttet, die das Zahlmittel jener Hilflosen bleibt, die es doch besser wüssten als die ruinösen Praktiker des Menschheitsbankrotts.

Hermann Scheins Uraufführungsregie balanciert auf der sicheren Seite. Man müsste Menasses mit Aphorismen gespickten Text aus der bequemen Buffetstube der Formulierkunst herausreißen. Man müsste sie einem Schwall von Lebensformen aussetzen: sie mit Wirklichkeitsangeboten konfrontieren. Wie sagt Doktor Hoechst richtig? "Zeitungen haben Eigentümer. Eigentümer haben Interessen. Und alle Eigentümer haben letztlich die gleichen Interessen." Daraus folgt? Dass sich Faust die Pulsadern aufschneidet. Und das Publikum sich recht artig bedeckt hielt. (Ronald Pohl aus Darmstadt, DER STANDARD/Printausgabe, 28.04.2009)