Infektiologe Wolfgang Graninger

Med Uni Wien

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Auf Flughäfen wie in Tokio wird am Monitor die Körpertemperatur überwacht

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Neben Hightech hilft auch, Hände zu waschen

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Standard: Wie besorgniserregend schätzen Sie die Lage ein?

Graninger: Die Situation ist deshalb besorgniserregend, weil sich das Virus nicht nur vom Tier auf den Menschen übertragen konnte, sondern sich offensichtlich auch von Mensch zu Mensch weiter überträgt. Zudem hat es sich schon in andere Länder ausgebreitet. Es ist also Feuer am Dach. Jeder, der derzeit nach Mexiko fährt, wäre wirklich blöd.

Standard: Ist der Erreger A H1N1 derselbe wie bei der Grippe 1918?

Graninger: Er ähnelt ihm, ist aber nicht dasselbe, weil das Virus viele Subtypen hat. Damals wie heute waren junge Leute betroffen. Es ist allerdings so, dass gerade diese Bevölkerungsgruppe viel reist und das Virus deshalb übertragen hat.

Standard: Wissen Sie, wer die Toten in Mexiko sind?

Graninger: Nein, man weiß, dass in Mexiko 100 von 1600 Infizierten gestorben sind, aber wer sie sind, weiß man nicht. Es könnte sein, dass es Menschen sind, die eine zusätzliche Erkrankung hatten, etwa weil sie im Spital lagen. Dass die Schweinegrippe überhaupt Tote fordert, ist aber Grund genug zur Sorge. 1976 in den USA gab es von 200 Betroffenen nur einen Toten. Es ist ein positives Zeichen, dass in den USA und in Kanada einstweilen niemand gestorben ist. Das lässt vermuten, dass das Virus nicht sehr aggressiv ist.

Standard: Warum wurde Sars keine Pandemie?

Graninger: Weil das Sars-Virus damals bei der Mensch-zu-Mensch-Übertragung immer schwächer wurde und dann quasi von selbst erloschen ist. Das heißt: Das Virus konnte zwar vom Tier auf den Menschen übertragen werden, aber dann funktionierte die Infektionskette nicht weiter.

Standard: Schweine sind gefährlicher?

Graninger: Ja, für Influenza-Viren. Händeschütteln sollte in den betroffenen Regionen unterlassen werden.

Standard: Laut Statistik treten alle 30 Jahre Pandemien auf, die letzte war vor 40 Jahren.

Graninger: Solche Statistiken sind Unsinn.

Standard: Kürzlich stand in Fachjournalen, das Medikament Tamiflu wirkt nicht gegen H1N1?

Graninger: Es gibt Stämme, die gegen Tamiflu resistent sind, aber gerade bei der Schweinegrippe ist das nicht der Fall. Wir haben ja alle das Medikament gebunkert und warten nur drauf, dass wir es auch einsetzen können, zudem läuft es bald ab. Roche, dem Hersteller von Tamiflu, hätte nichts besseres passieren können. Deren Aktienkurs ist in die Höhe geschnellt.

Standard: Es gibt auch noch ein zweites Medikament - Relenza?

Graninger: Das muss per Inhalation verabreicht werden und ist insofern aufwändiger als Tabletten.

Standard: Welche Indikatoren werden für die zukünftige Entwicklung wichtig sein?

Graninger: Wir müssen die nächsten zehn Tage abwarten, die internationalen Behörden sind bereits vor Ort. Im besten Fall stoppt das Virus von selbst. Im schlimmsten Fall passiert das Gegenteil, und es erkranken doppelt so viele Menschen innerhalb kürzester Zeit. Dramatisch wäre es in dichtbesiedelten Regionen, etwa in China. Es dauert immer eine gewisse Zeit, bis sich Immunität entwickelt. Wichtig zu wissen ist: Reisen ist derzeit riskant, Schweinefleisch kann ohne Bedenken gegessen werden, und Händewaschen ist wichtig. (Karin Pollack/DER STANDARD, Printausgabe, 28. April 2009)