Berlin/Wien - Die Horrormeldungen über die Lage der Wirtschaft reißen nicht ab - dennoch wiegt sich eine nicht unbeträchtliche Zahl an Unternehmen in Sicherheit. "In falscher Sicherheit", wie Jens Ekopf, Leiter einer Studie der Managementberatung Horvath & Partners über die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise, anmerkt. "Sektoren wie die Automobil-, Öl- oder Chemieindustrie haben die Probleme erkannt, viele andere aber nicht" , sagte Ekopf im Gespräch mit dem STANDARD.

Selbst(über)schätzung

Viele Betriebe unterschätzten die Krise total. Das lasse sich daran ermessen, dass zwar gut 80 Prozent der Befragten den Umsatz der jeweils eigenen Branche sinken sehen. Wenn es aber um den eigenen Umsatz gehe, folgten nur 67 Prozent dieser Einschätzung. Jedes zweite Unternehmen, genau 51 Prozent, sehe sich selbst nicht in der Krise. Zugleich beklagten aber 67 Prozent einen schwächeren Auftragseingang, sagte Ekopf.

Horvath & Partners haben die Antworten von 201 Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgewertet. Die Studie, die dem STANDARD vorliegt, wurde zwischen Jänner und März 2009 durchgeführt.

Drei Viertel der Befragten gehen davon aus, dass die Krise noch länger als ein Jahr dauert. 16 Prozent vermuten, dass die Auswirkungen bis 2011 und darüber hinaus spürbar sind. Während Banken, Versicherungen und IT-Firmen erwarten, dass sich ihr Geschäft bald erholt, rechnen Chemie-, Pharma-, Telekommunikations-, Medien- und Dienstleistungsunternehmen noch mit starken Einbrüchen.

Längere Seitwärtsbewegung

Im Automobilsektor, der als einer der ersten vom Wirtschaftsabschwung erfasst worden ist, hätten die verantwortlichen Personen die Dramatik der Lage erkannt und mit Werkschließungen und anderen kapazitätssenkenden Maßnahmen auch das Richtige getan. "Dort macht man sich inzwischen auch keine Illusionen, dass im Aufschwung das Niveau an Stückzahlen wie vor der Krise erreicht werden kann" , sagte Ekopf. "Man stellt sich darauf ein, dass dauerhaft weniger produziert werden wird."

Unternehmen wie die OMV (Öl) oder Borealis (Petrochemie) hätten schon zum Jahreswechsel 2007/08 begonnen, ihre Fixkosten um 15 bis 20 Prozent zu senken und merkten nun, dass das nicht reicht.

Die Krise folge einem bestimmten Muster: Zuerst gehe es mit Aufträgen, Umsatz und Liquidität bergab. Daran schließe sich eine wahrscheinlich längere Seitwärtsbewegung an, bevor es wieder bergauf gehe. Darauf sollten sich die Unternehmen schon jetzt einstellen und gegebenenfalls bereit sein, ihr Geschäftsmodell zu ändern. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.4.2009)