Littleton, Erfurt, Winnenden - die Liste der Schulamokläufe ist lang und von Fassungslosigkeit gefolgt. Der tauben Bestürzung stellte sich das von Regisseur Georg Staudacher und Autor Volker Schmidt 2007 initiierte Schultheaterprojekt komA entgegen. Aus von Schülern verfassten Texten entwickelte man ein Stationentheater, das Geschehnisse vor einem Amoklauf in einem realen Schulgebäude greifbar machte. Das Ursprungsprojekt am Wiener Gymnasium Rahlgasse erhielt 2008 sowohl einen Stella- als auch einen Nestroy-Preis. Jetzt gibt es Nachfolgeprojekte an neun Schulen österreichweit.

In einer Produktion von theater@work wird u. a. das Linzer BRG Fadinger bespielt, vom Heizungskeller bis in die Direktion. Den Schülern ist dabei in der Regie John F. Kutils ein Glanzstück an Authentizität gelungen. In eindringlichen Miniaturen wird das direkt am Geschehen positionierte Publikum Zeuge von Gewalt und angstgenährten Posen. Dabei gelingt nicht nur die Verkörperung des Klassenraudis (Dominik Hohl) mehr als überzeugend. Vom Mitläufer (Stefan Wunder) über die Partygirls (Agnes Müller und Ines Böhm) bis zur Kassandra-Figur Natascha (Ulrike Achatz) besticht das Ensemble mit seiner Präsenz.

Der Dschungel Wien in Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Rahlgasse geht noch einen Schritt weiter und reflektiert die Sinnhaftigkeit von Gewaltpräventionsprojekten in seiner Produktion ... dann schleich dich! gleich mit und kommt zu einem zwiespältigen Ergebnis, das auch nach der Abbildbarkeit von Gewalt an sich fragt. Alltagsdialoge begleiten in Loops das zwischen Foyer, Straße und Top-Kino vazierende Publikum. Die Darsteller bringen die Not des Schullebens (Mobbing, Stress, Unverständnis) nachdrücklich mit dem größeren Ganzen in Verbindung: "Ich lebe in einem Land, in dem an Bildung gespart wird, um Banken zu retten." Ein Theater mit Standhaftigkeit und imponierenden Neoschauspielern.

Auch das Grazer Borg Dreierschützengasse verwandelte ein modernes Schulgebäude in ein spannendes, mitunter auch unheimliches Stationentheater. Das Publikum erfährt u. a. unter der Dusche, im Chemiesaal oder in der Turnhalle die Geschichte von Andreas Strasser, einem Schüler, der - offenbar durch ein Gewaltverbrechen - verschwunden ist. Das Stück Brick in the Wall zeigt dabei, welche wichtige Rollen ein Mensch in seinen vielen Beziehungsgeflechten - etwa im Fußballteam, der Familie oder in der Klasse - einnimmt. Regisseur Thomas Sobotka inszenierte mit Schülern, Lehrern und Profis aus dem Umkreis des Theaters am Ortweinplatz einen Abend, der nicht nur ob seiner unglaublichen Logistik staunen macht.

Zwischen dem Freak, der als Hausmeister mit den Wänden der Schule spricht, und den gespenstisch auf den Schulgängen auftauchenden Zwillingsschwestern, die trotz ihrer Dirndlkleider auch auf Jack Nicholson in Shine lauern könnten, fühlt man sich keine Minute sicher. (wo, afze, cms/DER STANDARD, Printausgabe, 28. April 2009)