Büchners "Dantons Tod" (auf Kroatisch: "Dantonova smrt") am Nationaltheater Zagreb: Regisseur Hansgünther Heyme exerziert vor, wie man internationale Kulturkontakte anbahnt.

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Regisseur Hansgünther Heyme

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Um ein Haar wären die Probenarbeiten für Hansgünther Heymes erste Theaterinszenierung in kroatischer Sprache geplatzt. Heyme (73), Intendant der Festspiele Ludwigshafen, musste sein Regiepult im Nationaltheater Zagreb zwischenzeitlich zusammenpacken. Der junge kroatische Staat feierte vor rund zwei Wochen im Plüsch des von den österreichischen Gründerzeitarchitekten Helmer und Fellner errichteten Hauses den Beitritt zum Verteidigungsbündnis Nato.

Theaterveteran Heyme, als Piscator-Schüler eine Art Lordsiegelbewahrer "linken", dezidiert aufklärerischen Regietheaters, zuckt die Achseln: "So etwas schmerzt einen politisch! Aber ich habe keinerlei Grund, mich bei meinen Gastgebern zu beklagen."

In Zagrebs piekfeinem 700-Sitze-Haus zeigt man sich über das Engagement von Heyme nachgerade entzückt. Dantons Tod, dieser in Moll getönte Abgesang auf die Französische Revolution, wurde neu ins Kroatische übersetzt. Vier Simultandolmetscher wechselten sich im Schichtdienst ab, um Heymes Anweisungen möglichst ohne Streuverluste an die Staatsschauspieler weitergeben zu können.

Heyme strahlt über das ganze Gesicht: Der Mann, der als inszenierender Intendant in Köln, Stuttgart oder Essen Kritiker und Publikum gleichermaßen bis aufs Blut reizte, hat sich vom Stadttheaterbetrieb erfolgreich abgekoppelt.

Danton hat er in grauer Vorzeit bereits für Piscator heruntergestellt: "Da war ich 21 Jahre alt. Die Probenarbeiten am Berliner Schillertheater wurden zum Desaster, weil sich 70 Staatsschauspieler gegenüber dem Kommunisten Piscator verweigerten. Ich musste die Proben zu Ende führen, da ich als Einziger den Büchner-Text auswendig konnte."

Heyme ist der - neben Peter Stein - vielleicht sorgfältigste Philologe unter den Starregisseuren. Er erwarb sich bleibende Verdienste um die antike Literatur, indem er die Sophokles- und Aischylos-Neuübersetzungen Wolfgang Schadewaldts auf diverse Bühnen hievte. Heyme, für den "Theater das einzige internationale Verständigungsmittel ist, das zählt", denkt nicht in Figuren, sondern in historischen Blöcken. Er hat vor einiger Zeit Orest in Maribor inszeniert; er hat zwei Shakespeares in Spanien gemacht, und er tüftelt an einem ethnologisch anspruchsvollen Projekt für Berlin: "Shakespeares Sturm, besetzt mit Schwarzen, die Deutsch sprechen. Ich möchte die Situation der Flüchtlinge auf Lampedusa beleuchten."

Heyme lebt also die Globalisierung. Er freut sich darüber, dass die kroatischen Studenten gerade gegen Studiengebühren auf die Straße gehen. Zagreb ist eine Stadt voller untergründiger Anspannung; zwar ist der Bürgerkrieg kein Thema mehr, aber nach kurzen Gesprächen wird klar, wie tief die Wunden sitzen. Etwa wenn die Rede auf den serbische Raketenangriff kommt, der auf die Altstadt gerichtet war und 1995 um ein Haar den damaligen Präsidenten Tudjman das Leben gekostet hätte. So starben sieben Zivilisten.

Heyme, der Wanderer, ist auf internationale Kontakte angewiesen: Im Ludwigshafener Pfalz-Bau muss er jeden Herbst eingeladene sowie selbst verfertigte Produktionen "abspielen". Er schöpft aus Sponsorengeldern (BASF) und Stiftungsschatullen, bemüht sich um Migrationsschichten und wirkt als Unruhegeist in einer spröden Chemiestadt. "Stadttheater? Ich wüsste nicht, was die mit mir noch anfangen sollten!", grinst Heyme.

Sein Dantons Tod war soeben als kreidegraues Untergangsspiel der lebenden Toten über die Zagreber Bühne gegangen. Heyme sitzt anlässlich der Generalprobe kichernd hinter seinem Regiepult: Büchners Text enthält zotige Gossenlyrik. Sie klingt auf Kroatisch merkwürdig staatsfeierlich. Aber mit dem Vorwurf, seine Zuschauer kulinarisch unterzuversorgen, hat man dem Unruhstifter Heyme nie kommen dürfen.

Kultureuropa wächst zusammen. Oder? "Wir wollten vor einiger Zeit ein Gastspiel in Belgrad machen", erzählt Schauspieldirektorin Sanja Iviæ. "Einige meiner Schauspieler standen auf und sagten: 'Unter keinen Umständen!'" (Ronald Pohl aus Zagreb/DER STANDARD, Printausgabe, 29. 4. 2009)