Ex-Banker Alarich Fenyves war dabei, als die Creditanstalt sich anschickte, den Osten zu erobern.

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Alarich Fenyves baute das Auslandsgeschäft der Creditanstalt mit auf, die schon vor der Öffnung im Osten aktiv war. Was 1989 folgte, war eine "Reflexreaktion" der Banken, erzählte er Renate Graber.

STANDARD: Sie waren 1989 Auslandschef der Creditanstalt CA, als sie nach Osteuropa zu expandieren begann. Wie lief das damals?

Fenyves: Schon Mitte der 70er haben die österreichischen Banken begonnen, sich im Ausland nachGeschäft umzuschauen, wegen der Enge des Heimmarkts. Damals ist man an die klassischen Orte wie London oder New York gegangen. Als die Ostöffnung begann, sprach alles für Investitionen: Österreichs Affinität zu diesen Ländern und das Faktum, dass unsere Kunden schnell in den Osten gegangen sind. Das war unser Ansatz: Wir folgen unseren Firmenkunden.

STANDARD: Zum Teil war das aber schon vor Öffnung der Grenzbalken 1989?

Fenyves: Ja, davor hatten die Österreicher Joint-Venture-Banken in Ungarn und Russland, die mit Duldung der kommunistischen Regimes Geschäfte machten. Als die Grenzen geöffnet wurden, haben CA und Raiffeisen im Osten gleichzeitig Banken aufgebaut, weil zu kaufen gab es nichts. Die CA ging nach Ungarn, Tschechien und dann Polen. Es war uns klar, dass man die Gelegenheit nützen muss. Wir haben dort auch eine volkswirtschaftliche Funktion übernommen, indem wir die Geschäfte der österreichischen und lokalen Kunden finanzierten.

Erst in der zweiten Phase folgte der langsame Aufbau des Retailgeschäfts, des Filialnetzes vor Ort. Zunächst wuchsen wir organisch: 1997 hatte die CA in Polen zehn Filialen und 300 Leute, aber dann gingen die Privatisierungen los. Ich habe Vorstandschef Gerhard Randa gegenüber sehr darauf gedrungen, dass wir uns an Banken beteiligen sollen. Der Beginn der Zukäufe war dann der Einstieg in die polnische Bank PBK; übrigens gegen den Einspruch des Betriebsrats im Aufsichtsrat.

STANDARD: Sie waren überzeugt, dass man im Osten goldene Nasen verdienen würde?

Fenyves: Natürlich war das keine karitative Veranstaltung, sondern eine rein wirtschaftliche. Wir gingen von einem riesigen Nachholbedarf und starken Investitionen in diesen Märkten aus. Da musste man hingehen, der Einstieg im Osten war für die Österreicher aufgelegt und eigentlich eine Reflexreaktion der österreichischen Banken. Wir hatten das Glück, dass die Deutschen damals mit Ostdeutschland so beschäftigt waren, sonst wären sicher sie hinmarschiert.

STANDARD: Waren die Österreicher eigentlich willkommen?

Fenyves: Durchaus; auch die Größenordnungen stimmten, wir wurden nicht als Bedrohung wahrgenommen. Als die Deutsche Bank später ein polnisches Institut übernehmen wollte, zumal feindlich, ist sie kläglich gescheitert: Die Antipathie gegen die Deutschen ist ihnen voll entgegengeschlagen.

STANDARD: Und wie haben Sie die Risken in Osteuropa eingeschätzt?

Fenyves: Das Risiko war vertretbar; bei größeren Märkten wie Russland oder komplizierteren wie Kasachstan oder Ukraine war freilich die Frage, ob das noch zur Größe der Homebase passt. Ich wäre aber nicht nach Kasachstan gegangen. Denn das ist ein Themenwechsel: nicht Osteuropa, sondern Asien.

STANDARD: Wie wurden Sie denn empfangen damals?

Fenyves: Wir selbst fühlten uns schon als Pioniere.Die ersten Pressekonferenzen haben mich total fasziniert, die waren unglaublich. Man hielt seinen Vortrag, alle hörten zu und schrieben mit – und dann gab es nicht eine Frage, null.

STANDARD: Wo nahm man nach dem Kommunismus die Leute für die kapitalistischen Unternehmen her?

Fenyves: Die Leute vor Ort waren akademisch sehr gut geschult, nur kommerziell mussten wir sie ausbilden. Wir haben sie gleichsam auf den Kapitalismus umgeschult.

STANDARD: Hat man sich damals nicht überlegt, wann die Ost-Bonanza zu Ende gehen könnte?

Fenyves: Damals dachte man, dass das sicher 20 Jahre dauern wird. Und dieses langfristige Wachstum hätte es auch geben können, hätten nicht die Probleme aus den USA die Märkte so verunsichert.

STANDARD: Wie hat der Westen den Osten beeinflusst?

Fenyves: Der Westen hat an der Transformation des Ostens nachhaltig mitgewirkt. Wir, die Banken, haben im Osten Marktwirtschaft vorgelebt, und das ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Da sind auch sehr schnell neue Eliten entstanden, auch sehr gute Banker. Unsere Banken waren Kaderschmieden, viele Führungskräfte im Osten haben ihr Handwerk bei österreichischen Banken gelernt. Der heutige ungarische Nationalbank-Präsident etwa war CAIB-Manager, ebenso der neue Premierminister.

STANDARD: Welche Fehler haben die Österreicher im Osten gemacht?

Fenyves: Die Banken haben in manchen Märkten überinvestiert, die Fremdwährungskredite werden sie noch viel Geld kosten. Und die letzten Zukäufe waren viel zu teuer, das kann man nie verdienen.

STANDARD: Alles in allem: War der Schritt in den Osten 1989 richtig?

Fenyves: Ja. Die Lokomotive Deutschland wurde damals durch die Lok Osteuropa ersetzt. Ein Prozent vom jährlichen BIP-Wachstum haben wir im Osten verdient. DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4.2009)